Der große Fake – Eine märchenhafte Kritik des gegenwärtigen Kunstbetriebs

Die Welt der Kunst scheint eine oberflächliche geworden zu sein, deren Elemente leicht bekömmlich sind. Das Unangepasste wurde passend gemacht, das Brechen der Regeln zur Norm.

Es war einmal ein System, dass eines schönen Tages erkannte, dass es effektiver ist, störende Elemente einzugliedern, anstatt sich gegen diese aufzulehnen. Die Systemlogik, die vor allem auf Systemerhaltung abzielte, befahl ihm darum, diesen „Störenfrieden“ einen Bereich zuzusprechen, in dem sie entsprechend ihrer Natur leben dürfen, denn Inklusion ist das Mittel, Inklusion ist der Weg. In väterlicher Manier erlaubte ihnen das System ein System im System zu etablieren, dass zwar nicht den konventionellen, aber dennoch einer Art von Gesetzmäßigkeiten folgte, die mit denen von „Big Daddy“ kompatibel waren. Das große System war sehr großzügig und gewährte dem kleinen viele Freiheiten und das nur unter Einhaltung einer einzigen Bedingung, – nämlich, innerhalb seiner Grenzen zu bleiben, aber diese gleichzeitig für Angehörige des großen Systems offen zu halten und bei einem kurzen Tête-à-têtê deren Erwartungshaltungen zu befriedigen. Wenn es eines Tages trotz dieser nichtigen Einschränkung zu Überschreitungen käme, müsse zumindest zuvor eine Genehmigung dafür eingeholt werden, denn sonst, so sprach „Big Daddy“ mahnend, müssten die außer Rand und Band geratenen Elemente letztendlich doch mit einer Strafe rechnen, die sie nicht so leicht vergessen würden. Die kleinen „Störenfriede“ waren so glücklich über diese Entwicklungen, dass sie diese Bedingungen natürlich akzeptierten. Waren sie nicht schon viel zu lange draußen gewesen? Dort, wo es kalt und nass ist? Dort, wo es nichts zu essen gibt? Nun durften sie endlich erfahren, was es bedeutet satt zu sein. So satt. Sie aßen und aßen bis sie vergessen hatten, wer sie eigentlich waren. Noch immer produzierten sie das, was das große System „Kunst“ nannte. Noch immer waren sie anders als die anderen und doch – glichen sie sich untereinander immer mehr. Manche bemerkten, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmen konnte, aber ihr Unbehagen in Worte fassen konnten sie nicht. Wenn es doch einem hier und da gelang, hörten sie ihn nicht. Sie wollten ihn nicht hören, da er störte. Die Störelemente wollten ihren Frieden. Waren sie nicht endlich glücklich, da sie frei waren. – Vom Kampf?

Wie es das große System angekündigt hatte, kam immer wieder Besuch von „da draußen“, den „normalen“ Elementen. Sie kamen stets mit einer ganz bestimmtem Absicht: Sie wollten sich einerseits gegenseitig ihre Bereitschaft zur Grenzüberschreitung demonstrieren, ihre Offenheit und Toleranz, und sich andererseits immer auch ein bisschen schockieren lassen. „Immer nur in kleinen Dosen, bitte!“, hatte „Big Daddy“ damals gesagt. „Sie sollen ja nach ihrem Besuch noch dieselben sein.“ An diese Vorgabe hielten sich die Störelemente gerne. Es tat ja nicht weh. Kein Kämpfen mehr. Die Begegnungen verliefen sogar recht angenehm. Und was solls‘ – hauptsache anders als sie.

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