Immer noch Sturm

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© Lupi Spuma

Im Vorwort zur „Braut von Messina“ schreibt Schiller, es gäbe in der Kunst „keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken.“ Ein Theaterstück müsse den Kern des Problems auf den Punkt treffen, und in der Tat: Obgleich der „Don Carlos“ zu den umfangreichsten Dramen der deutschsprachigen Literatur gehört, entbehrt er jeglichen Bedarfs, um nur ein einziges Wort gekürzt zu werden.

Wir reden hier über Handke, nicht Schiller, und es ist mit Sicherheit kein Akt der Gerechtigkeit, welchen Schriftsteller auch immer gegen ein Genie auszuspielen. Dennoch: Wer drei Stunden Spielzeit bietet, muss drei Stunden etwas zu sagen haben.

Wenn sich aber die Botschaft eines Stückes über weite Strecke auf wieder- und wiederkehrende Muster und Motive stützt, und es sich zudem um Muster und Motive autobiographisch-historischer Natur handelt, muss es erlaubt sein, die schüchterne Frage zu stellen: Für wen ist dieses Stück geschrieben?

Die Qualität von Literatur begründet sich nicht zuletzt in ihrer Doppelbödigkeit, und gerade diese lässt Handke in seinem 2010 veröffentlichten Stück „Immer noch Sturm“ vermissen. Aktuelle Bezüge (kulminierend in dem Ausspruch „We don’t speak Yugoslavian! This is Austria!“) kommen zu kurz. Ist es Aufgabe der Literatur, als Geschichtsvermittlung zu fungieren? Mitnichten. Und dennoch wäre es falsch, zu behaupten, Handke bewege sich ausschließlich innerhalb der Grenzen einer ortsgeschichtlichen Problematik. Was Handke sucht, ist (wie bereits in voraus gegangenen Stücken) der Dialog mit der Vergangenheit, allen voran die Aufarbeitung des Konflikts zwischen den Generationen. Und gerade an diesem Punkt versteht es Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon glänzend, das Familienproblem Handke zur Allgemeinheit zu erheben, indem er sich des Verfremdungseffektes bedient, die agierenden Figuren ihrer identitätsstiftenden Gesichter zu entledigen und zu maskierten Puppengestalten zu transformieren. Eindrucksvoll gelingt es Simon – durch musikalische Einlagen (die bereits vor Beginn der Vorstellung für Atmosphäre sorgen), eine hervorragende schauspielerische Besetzung, als auch die Einbeziehung gebürtiger SlowenInnen in der zweiten Hälfte – die ZuschauerInnen in ein zwiespältiges Ambiente vergangener Tage zu entführen. Doch eben weil sie vergangen sind, fragt sich, ob sie genug Brisanz besitzen, heute noch zu bewegen. In Anbetracht einer bemühten, aber zu umfangreichen Vorstellung samt verlassenen Plätzen nach viertelstündiger Pause, neige ich dazu, diese Frage – in Bezug auf Peter Handke – zu verneinen.

Weitere Informationen auf der Homepage des Schauspielhauses Graz: http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=17817

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