Fräulein Julie

Die Mittsommernacht wählte August Strindberg als Zeitpunkt für seine Tragödie „Fräulein Julie“. Am Schauspielhaus Graz inszenierte Regisseurin Alexandra Liedtke jenes Stück, das von Liebe, Macht und Eigennutz handelt und die Charaktere in diesem Sog verschlingen lässt. Das Resultat ist Zerstörung und ein ergriffenes Publikum.
(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Das Bühnenbild ist einfach. Ein weiß leuchtender Boden, drei Holzbänke – und zwischendrin Rosen die den Himmel hinab regnen. Mehr braucht es offensichtlich nicht, um diese nach wie vor aktuelle Geschichte zu erzählen. Zerstört werden die Charaktere von der Unvereinbarkeit gesellschaftlicher Konventionen und persönlichem Streben: Einer Fräulein Julie (Tabea Bettin), eine Grafentochter, die ihrer Sehnsucht nach Liebe zu Jean dem Diener (Thomas Frank) nachgibt aber doch in ihrer gesellschaftlichen Stellung gefangen ist. Jean ist auch gefangen. Einerseits strebt er nach mehr als nur seiner Stellung am Hofe und einem Leben mit der Köchin Kristin (Pia Luise Händler). Erdrückt und auch dazwischen sieht Kristin alles. Sie ist die einzige, die „nichts“ verlieren wird in dieser Tragödie.
Als der durchaus berechtigte Applaus endet, bleibt eine Frage zurück. Warum ist der Mensch nicht fähig, sich aus gesellschaftlichen Konventionen zu lösen und die Abgründe seines Selbst hinter sich zu lassen?
Abschließend noch ein paar Gedanken dazu: Maßstäbe, jeder Mensch besitzt sie. Anhand dieser beurteilt er, was amüsant ist, wie und was gesagt werden darf, welches Verhalten akzeptiert wird etc. – und wenn er zu dem Schluss kommt, dass das Erzählte nicht amüsant sei, dass Gedanken und Taten ungebührend seien, wird er diese auf Basis seines Maßstabes sanktionieren. Dies geschieht mit einem Blick, mit dem Ignorieren der Person, mit Bestrafung etc.
Begibt sich der Mensch in eine Gruppe, zählt nicht nur sein eigener Maßstab. Er ist vielmehr jenem Maßstab ausgesetzt, der in der Gruppe gilt. Dieser ist nicht nur ein Mix aus den aktuellen Maßstäben aller Anwesenden, sondern wurde schon seit Jahrhunderten geformt. So ist der Mensch als Teil der Gesellschaft, ob er will oder nicht, mehreren stets über ihn schwebenden Sanktionsapparaten ausgesetzt. Diese sind dafür verantwortlich, dass Menschen Dinge tun und sagen, die sie eigentlich nicht sagen und tun wollen. So werden sie getrieben und gegen eine Mauer oder gegeneinander gedrängt, was sie be- und erdrückt – oder eben, wie in Strindbergs Tragödie verschlingen lässt bzw. zerstört.
Ein Ausweg kann nur sein, dass Menschen sich in jene Gruppen begeben, wo sie Herr ihres eigenes Maßstabes sind und vorgegebene Hierarchien nur dann akzeptieren müssen, wenn sie das selbst so wollen oder Menschen sanktionieren können, die ohne Bedacht auf andere und verletzend nach eigenen Zielen streben. Das Rezept lautet also: Den Spieß umdrehen!
Zeitpunkt des Theaterbesuchs: 4. März 2014
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s