„Der Gott des Gemetzels“ am Schauspielhaus Graz

„Der Anstand ist nur ein Schwachsinn, der einen wehrlos macht.“ Scharfzüngige Gesellschaftskritik trifft auf großes Unterhaltungstheater – ein Pläsier zum Nachdenken.

Ein kleiner Junge schlägt seinem Klassenkameraden in der Schule zwei Zähne aus. Wie ein Treffen der Eltern des „Täters“ und jener des „Opfers“ statt der Konfliktbereinigung zu dienen in einen Kampf zwischen Cholerikern ausarten kann, zeigt Stefan Behrendt in seiner Inszenierung von Yasmina Rezas Erfolgsstück Der Gott des Gemetzels am Schauspielhaus Graz.

Auf der einen Seite steht der Großhändler Michelle (grandios: Stefan Suske), der zunächst als fürsorglicher Ehemann wie ein Papagei seine vermeintlich souveräne Frau, Schriftstellerin und Moralistin Véronique (Olivia Grigolli), nachspricht. Deren Pendants aus der jüngeren Elterngeneration auf der anderen Seite sind der am Mobiltelefon klebende zynische Anwalt Alain (Sebastian Klein, dem ein großes Lob gebührt, da er sich trotz Fußverband und Krücke seinen Bänderriss nicht anmerken ließ) sowie die verbissene und zugleich zerbrechliche Vermögensberaterin Annette (herrlich: Verena Lercher). Die vier Charaktere haben eines gemeinsam: sie werden ihre wahren Gesichter nicht lange hinter der anfänglichen Harmonie und der konventionellen Verhaltensweisen verbergen können.

Der ursprüngliche Konflikt zwischen den Kindern rückt in den Hintergrund; stattdessen führt die aufkeimende Hysterie zu emotionalen Entgleisungen aller Charaktere. Dem Publikum wird dabei eine ihm wohlbekannte kleinbürgerliche Fassade vor Augen geführt, die schrittweise abbröckelt. Unsere Alltagswelt ist bestimmt durch den „Kodex der westlichen Welt“, der uns zwingt, „oberflächlich moderat“ zu sein und „zivile Umgangsformen“ an den Tag zu legen. Das Anbieten von Kaffee und Kuchen, die Einigung auf das Du-Wort, floskelhafte Gespräche – alles Dinge, die über das Eigentliche hinwegführen sollen: „Der Anstand ist nur ein Schwachsinn, der einen wehrlos macht.“

Gemetzel

Pressefotos (c) Lupi Spuma

Die Bühne ähnelt immer mehr einem Schlachtfeld, auf dem sich die Charaktere gemeinsam verbünden und wieder auseinander gehen – Ehemänner gegen Ehefrauen, Paar gegen Paar, alle gegen eine(n), jede(r) gegen jede(n). Doch was bleibt am Ende übrig, nachdem die wahre Natur die Überhand über das anstandsvolle Benehmen genommen hat? Der Boden ist übersät mit zerstückelten Tulpen, Kuchenresten, leeren Gläsern und zerknüllten Papiertaschentüchern. Keine Gewinner, keine Verlierer – nur eine zentrale Erkenntnis: „Ich glaube an den Gott des Gemetzels. Das ist der einzige Gott, der von Anfang an herrscht“.

Es braucht nicht viel Schnickschnack, um einen vollen Saal über eineinhalb Stunden hindurch zum Lachen zu bringen. Stefan Behrendts Inszenierung besticht durch ein schlicht ausgestattetes Bühnenbild – Wand und Boden in neutralem Weiß, vier blaue Stühle und ein paar dekorative Gegenstände, die an ein Wohnzimmer erinnern – und setzt damit gekonnt auf Sprache und Ausdrucksstärke der hervorragenden DarstellerInnen. Das Publikum amüsiert sich köstlich durch den zugespitzten Humor und die laufend pointierten Aussagen (Zuschauer in der ersten Reihe seien allerdings vor unliebsam herabfallenden Kuchenbröseln und Wasserspritzern gewarnt!). Trotz aller Komik regt „Der Gott des Gemetzels“ aber auch zum Nachdenken an. Jede(r) wird sich in der einen oder anderen überspitzten Darstellung wiederfinden.

Ein kleiner Vorgeschmack bietet das folgende YouTube-Video:

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