Holzfällen

„Thomas, schreib nicht darüber…“ – der letzte Satz einer verzweifelten Gastgeberin am Ende eines schrecklichen Abendessens, das sich wohl jeder anders vorgestellt hat.

Der Ich-Erzähler Thomas wird zum „künstlerischen Abendessen“ bei alten Freunden eingeladen. Der traurige Anlass dieses Treffens ist das Begräbnis von Joana, sie hat Selbstmord begangen. Thomas distanziert sich, befindet sich immer abseits des Geschehens, kommentiert, was er sieht und rechnet dabei gnadenlos mit der anwesenden heuchlerischen Pseudo-Künstlergesellschaft ab, die sich selbst für Wiens gebildete Elite hält, in Wirklichkeit aber „nichts erreicht“ hat und ein eigentlich leeres Leben führt. Den Höhepunkt soll ein auf sich warten lassender Burgschauspieler (genial: Stefan Suske) darstellen, der das Schauspiel durch überspitzte Selbstverherrlichung noch grotesker macht und das Publikum des Öfteren laut auflachen lässt.

Über Allem schweben aber immer Joana, ihre Vergangenheit und ihr Tod.Bild

Ensemble (c) Lupi Spuma

Krystian Lupa ist zweifelsohne ein Bernhard-Kenner und seine Inszenierung am Grazer Schauspielhaus eine wahre Hommage an dessen Werke. Mutig entfernt er sich vom Original, betont in der ersten Hälfte des Stückes besonders die Beziehung des Ich-Erzählers zur verstorbenen Joana, setzt die Protagonisten in einen Rahmen, aus dem der Ich-Erzähler immer wieder hervortritt, um das Geschehen mit den üblichen Bernhard´schen Schimpftiraden zu kommentieren. Raffiniert werden Videosequenzen eingespielt, die teils für sich stehen, teils das Geschehen auf der Bühne begleiten, das sich durch den genialen Einsatz der Bühnentechnik immer wieder verändert, aber stets in düsterer melancholischer Stimmung verweilt.

Johannes Silberschneider stellt den Thomas mit unglaublicher Überzeugung dar, mal gelangweilt im Lehnsessel maulend, mal aufgeregt schimpfend und sich an einen anderen Ort wünschend, seine unglaublich durchdringende Stimme ist wie Balsam für die Ohren des Publikums. Doch auch alle übrigen DarstellerInnen sind wahre Meister ihres Faches: Sei es der zunehmend betrunken werdende und über alles lauthals schimpfende Gastgeber Gerhard Auersberger, gespielt von Franz Xaver Zach oder die erst den Schein wahrende, zunehmend verzweifelnde und am Ende beinahe resignierende Gastgeberin Maja Auersberger, dargestellt von Steffi Krautz sowie Verena Lercher, die mit besonderem Körpereinsatz Joana mimt – rundum überzeugend und beeindruckend.

Lässt man den Blick gegen Ende der zweiten Hälfte allerdings durch das Publikum schweifen, bemerkt man zunehmend müde Gesichter, die mühsam auf Hände gestützt werden sowie einige Resignierende, die leise schlummernd in sich zusammengesunken sind. Man muss einiges an Sitzfleisch beweisen, um vier Stunden lang seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen richten zu können. Somit darf man sich keinen netten und amüsanten Theaterabend erhoffen, als Bernhard-Fan erwartet einen aber die atemberaubende Inszenierung eines großartigen Stückes, die man sich keinesfalls entgehen lassen darf.

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