Holzfällen

Krystian Lupas Bühnenversion von Thomas Bernhards Roman am Schauspielhaus Graz als Theaterabend der anderen Sorte

Das Ehepaar Auersberger organisiert in Folge des Selbstmordes einer Freundin ein „künstlerisches Abendessen“ mit Gästen aus der Wiener Künstlergesellschaft. Nur der sichtlich fadisierte Ich-Erzähler Thomas kehrt sich von der Soirée ab und verirrt sich in tiefgründigen Reflexionen über das Leben und das Künstlertum. Er entpuppt sich als feinsinniger Beobachter und kritischer Kommentator, der den Zuschauern in unerwarteter Intimität seine Gedanken schildert. Sein sarkastischer Humor bringt dabei immer stärker eine Verachtung und Verabscheuung der Menschen zum Ausdruck.

Der Ich-Erzähler sitzt lange Zeit verlassen auf dem vorderen Teil der Bühne in einem Stuhl, während sich im hinteren, durch eine durchsichtige Glaswand getrennten Bühnenbereich das „künstlerische Abendessen“ abspielt. Diese Trennung löst sich im Zuge der zweiten Spielhälfte auf und es entsteht ein großer offener Raum, der sich durch ein gefinkelt sich drehendes Bühnenbild stetig ändert.

Die düstere Grundstimmung der ersten Spielhälfte wird durch dunkle Farben, mysteriöse Lichteffekte, plötzlich ertönende Hintergrundmusik und sekundenhafte „Blacks“ verstärkt. Das Einblenden von kurzen Videosequenzen und Close-Ups der Charaktere auf einer großen Leinwand sorgt für willkommene Abwechslung. In der zweiten Hälfte gewinnt das Stück an Witz und Tempo; das Abendessen mutiert zum komikreichen Monolog eines egozentrischen Burgschauspielers, der von niemandem ernst genommen wird.

Holzfällen

Johannes Silberschneider (c) Lupi Spuma

Regisseur Krystian Lupa nimmt sich zwar einige Freiheiten von der Romanvorlage, spart in seiner Bühnenfassung aber nicht an Textreichtum. Insbesondere die Szene des Abendessens ist gut gelungen. Johannes Silberschneider als Ich-Erzähler Thomas bringt die innere Aufruhr dieses Charakters teilweise laut, teilweise leise zum Ausdruck. Stefan Suske als Burgschauspieler sorgt für willkommene humorvolle Momente. Hervorzuheben ist die gut gesetzte und Spannung erzeugende Hintergrundmusik.

„Holzfällen“ sorgte mit seiner Veröffentlichung für beträchtliche Skandale: Thomas Bernhard scheute nicht davor, seine Genossen als „gescheiterte Kunstleichen“, die „es zu nichts gebracht haben als Künstler in Wien“, zu bezeichnen. Angesichts der langen Spieldauer, der fehlenden linearen Handlung und der anspruchsvollen Monologe zu später Stunde ist „Holzfällen“ weniger für Theaterbesucher gedacht, die einen unterhaltsamen Abend verbringen wollen; eher für jene, die eine tiefgründige Hommage an Bernhards Schaffen erleben möchten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s