WO ICH WOHNE – Ein Film für Ilse Aichinger

1318467216278 ©apa/barbara gindl

Wir, meine Mutter und ich, kamen davon. Aber kamen wir davon? Ich weiß es bis heute nicht.

Friedrich Hebbel hat einst geschrieben, es gebe „Leute, die, wenn sie am Meer stehen, nur die Schiffe sehen, die darauf segeln“, und damit eine Form der Weltwahrnehmung aufgegriffen, die vergänglich ist, weil sie einzig am Materiellen in der Welt festhält, und nur das sieht, was ist, nicht das, was sein könnte. Es ist jener Blick, mit welchem die Figuren aus Ilse Aichingers Kurzerzählung Wo ich wohne (1963) durchs Leben gehen – alle Figuren, ausgenommen die der Ich-Erzählerin. Diese (in Christine Nagels Verfilmung gespielt von der am Schauspielhaus Graz engagierten Darstellerin Verena Lercher) ist gar nicht dazu in der Lage, zu sehen, was ist, weil das, was ist, absurd ist und die Wirklichkeit dieser Absurdität zunehmend zu verfallen droht.

Ilse Aichingers Kurzerzählung Wo ich wohne thematisiert den Einbruch des Surrealen in das Alltägliche, und weist also – wie so oft bei Aichinger – eine unverkennbar autobiografische Ebene auf. Das ist auch der Grund, weshalb Nagel sich in ihrem Film für (nicht etwa über) Ilse Aichinger dazu entschlossen hat, die filmische Verarbeitung gerade dieser Erzählung in ihr Porträt einzuflechten. Es ist ein Porträt, das von Symbolik getragen wird, sich unterschiedlichster Formen und Stilmittel bedient, und allen voran eine Persönlichkeit ins Zentrum stellt, ohne diese ein einziges Mal zu zeigen. Und doch erhält man ein klares Bild von ihr. So erwecken die Briefe, die Ilse Aichinger aus dem Dritten Reich an ihre emigrierte Zwillingsschwester Helga schreibt (im Film vorgetragen durch die eigenen Kinder) prägende Eindrücke aus Aichingers schriftlichen Anfängen („Du bist in England mehr in Wien als hier“).

Summa summarum: Ein auf knappe anderthalb Stunden kunstvoll gefasstes Porträt wider das Vergessen – in Bezug auf historische Aspekte, als auch die Persönlichkeit der bedeutendsten österreichischen Literatin der Nachkriegszeit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s