„Der letzte Tanz“ – Preisträgerfilm der Diagonale 2014

Ein Zivildiener und eine Patientin einer Geriatriestation kommen sich näher, näher als Gesellschaft und Gesetz dies akzeptieren. Der letzte Tanz ist eine Geschichte über Menschen, die auf der Suche nach Zuneigung sind– seelisch wie körperlich. Diese Suche bringt am Ende Glück und Verderben gleichermaßen.

Der Plot: Ein junger Mann wird von der Polizei abgeführt, seine Mutter ist verstört ob seiner Inhaftierung. In der Justizanstalt wird er beschimpft und vom Ankläger als abartig bezeichnet. Die Anklage lautet: Sexualdelikt – der Anwalt will mehr erfahren um zu helfen. – CUT – Drei Monate zuvor: Karl macht nach dem Studium seinen Zivildienst in einem Wiener Krankenhaus und kommt unfreiwillig auf die Geriatriestation. Julia fristet ein einsames, entmündigtes Dasein auf dieser Station und erlebt ihre täglichen Höhepunkte in den Boshaftigkeiten gegen das Personal. Obwohl von ihr als „Giftmischer“ bezeichnet, lässt sich Karl nicht davon abhalten seine Arbeit zu tun – im Gegenteil, er nimmt sich ihrer an und beschäftigt sich mit ihr. Die Welt außerhalb des Krankenhauses mit der liebevollen Mutter und dem Mädchen, das er schon immer toll gefunden hat, wird mehr und mehr zur Nebensache. Die anfangs platonische Beziehung zwischen Zivildiener und Patientin wird immer körperlicher und endet in einer Sexszene, die weder unentdeckt noch konsequenzlos bleibt.

Liebe und Körperlichkeit im Alter und über Altersgrenzen hinaus sind Tabuthemen unserer Gesellschaft. Es erfordert durchaus einen Akt des Mutes, einen Film rund um diese Thematik zu schaffen und es braucht eine sensible Umgangsweise von Seiten aller Beteiligten. Die Tatsache, dass Regisseur Houchang Allahyari auch Psychiater von Beruf ist, dürfte ein Hauptgrund dafür gewesen sein, ebenso wie die Auswahl an hochkarätigen Schauspielern.
Der Hauptdarsteller Daniel Sträßer schafft den Spagat, seine Figur so fassbar darzustellen, dass man ihn einerseits in den Arm nehmen, andererseits aber auch einen Schlag auf den Hinterkopf geben möchte aufgrund seines Tuns. Erni Mangold als demente Dame mit durchaus boshaft-komischen Eigenschaften erweckt gar nicht so sehr den Anschein als würde sie schauspielern; sie ist in ihrem Element und ihr Timing für einzelne Worte reicht aus, um eine Szene vollkommen zu machen. Die restliche Besetzung ist mehr als überzeugend – Marion Mitterhammer als verzweifelte Mutter, die die Welt nicht mehr versteht. Viktor Gernot als Rechtsanwalt, der so sachlich an die Thematik herangeht, dass es einen schaudern lässt. Oder Doina Weber als Oberschwester, die mit einer beängstigenden Gewissenhaftigkeit dem Staatsanwalt zum Präzedenzfall verhelfen möchte.
Der Aufbau des Films entspricht mehr einem Theaterstück als einem Film und genau dieser Kniff macht ihn so sehenswert. Der Wechsel zwischen Farbe und Schwarz-Weiß, um die kontrastierenden Welten (aufkeimende Gefühle vs. reale Gesetzlichkeit) aufzuzeigen, unterstreichen die Geschichte ebenso wie der Einsatz klassischer Musik.

Ausgezeichnet als bester Spielfilm sowie der Schauspielerpreis für die Hauptdarstellerin Erni Mangold bei der Diagonale 2014 – eine verdiente Anerkennung für die Entschlossenheit aller Mitarbeiter dieses Films. Das Publikumsgespräch mit den Beteiligten der Produktion nach dem Film (unter anderem dem Regisseur selbst) machte die finanziellen und bürokratischen Hürden bis zur Entstehung des Films deutlich. Eigentlich ein Armutszeugnis für das „Filmland“ Österreich, das sich an seinem Ruf als eine der kulturellen Hochburgen Europas labt und vieles, wenn überhaupt, nur dürftig unterstützt.

Noch ein pikantes Detail am Schluss: Für die 87-jährige Erni Mangold war dies die erste (!) Sexszene in einem Film. 😉

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s