„Waisen“ – Spiel mit der Angst

Rezension „Waisen“ – Schauspielhaus am 24.03.2014

 

Helen und Danny sind ein Paar – sie lieben einander und haben einen Sohn, Shane, das zweite Kind ist unterwegs. Das romantische Idyll wird durch Helens Bruder Liam gestört, der eines Nachts blutüberströmt in die Wohnung der beiden platzt und von einem Angriff berichtet. Jemand wurde verletzt. Die Suche nach dem Opfer, einem Schuldigen und Antwort auf die Frage was nun mit dieser Information zu tun sei, bestimmt die Handlung fortan.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Es ist ein Spiel mit der Angst und der Suche nach Wahrheit. Aber wie geht man mit der Wahrheit um, wenn man seine Existenz oder die eines geliebten Menschen bedroht sieht? Bleibt die moralische Verpflichtung gegenüber dem Bekannten und dem Unbekannten bestehen, wenn diese in Konflikt zueinander stehen? Wieviel „blinde“ Solidarität darf man von der Familie einfordern?
Das Stück entwickelt sich zunehmend zu einem Psychothriller in dem Liebe Lügen, Vorurteile und Gewalt determinieren. Eindrucksvoll veranschaulicht es die Skrupellosigkeit einer Frau, die ihre Familie, das „wir“, vor „den anderen“ zu beschützen versucht und in ihrer Verzweiflung alle Register zieht. Damit schreckt sie vor Erpressung genauso wenig zurück wie ihr Bruder davor diesen namenlosen aber mit Sicherheit gefährlichen „anderen“, Gewalt anzutun.
Der Londoner Autor des Stücks, Dennis Kelly, stützt sich auf ein „Gefühl des Verlassenseins“, das unserer Gesellschaft im 21. Jahrhundert eigen sei. Dieses Gefühl, dass die Welt da draußen böse sei und wir in ihr alle Waisen seien. Dieses Gefühl resultiere in Angst. Angst in unseren Köpfen. Kelly wagt das Experiment und lässt sie bewusst außer Kontrolle geraten: Getrieben von der Angst um seine Familie, das ungeborene Kind und die Liebe seiner Frau, begeht schließlich Danny selbst, entgegen seiner aufgeschlossen humanistischen Grundhaltung, einen Fehler: Er macht sich nicht nur unterlassener Hilfeleistung schuldbar, sondern begeht seinerseits sogar selbst ein Verbrechen.

 

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Der Familien-Begriff wird thematisiert, instrumentalisiert und schließlich sogar für Erpressung missbraucht. Dannys gefestigtes moralisches Denken wird erschüttert, er handelt bewusst entgegen seinen Prinzipien, weil er sich von seiner Frau vor die Entscheidung für oder gegen seine Familie gestellt sieht. Die Angst nimmt überhand und resultiert in einem buchstäblichen Gewaltakt. Die Zäsur, die die Tat darstellt, ist endgültig und zerstörerisch.
Ein erschreckend realistisches Bild wird in diesem Stück gezeichnet. Zunächst scheint das einzig „Richtige“ offensichtlich, doch durch Hinzukommen der Perspektive des Zwischenmenschlichen und aufgrund von bedeutungsschwangeren Blicken, die große Gefühle transportieren, verkompliziert sich die Situation zunehmend – bis sie schließlich so weit eskaliert, bis keine „richtige“ Lösung mehr möglich scheint. Der Effekt macht auch vor dem Publikum nicht Halt. Betroffene und schockierte Mienen – Gesellschaftskritik, die keinen kalt lassen soll.

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