Ein(e) Volksfeind(in) – Schauspielhaus Graz

Die Kurärztin Katrine Stockmann entdeckt im Stück Ein Volksfeind (frei nach Henrik Ibsen) gesundheitsschädliche Bakterien im Wasser des Kurbads. Als Wissenschaftlerin fühlt sie sich ihrer selbst und der Allgemeinheit verpflichtet, diese Erkenntnis an die Bewohner der Stadt weiterzuleiten. Ihr Mann und ihre Kinder, wie auch die Redaktion der Stadtzeitung Der Volksbote und der Druckereibesitzer stehen anfangs hinter ihr und ihrem Vorhaben, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder Peter Stockmann, dem Bürgermeister der Stadt. Der Geschwisterstreit wird bald zu einem Konflikt, der alle Bewohner der Stadt, allen voran jene, die das Sagen haben, betrifft. Wirtschaftliche Einbußen und politischer Gesichtsverlust wären die Folgen, sollte die Wahrheit ans Licht kommen. Die Kurärztin selbst wird auf eine harte Probe gestellt und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass jemand allein wohl kaum so viel anrichten kann, wie die beeinflusste Menge – ein (Un-) Ding der Natur der Demokratie.

Die Regisseurin Christine Eder macht aus dem Volksfeind eine „Volksfeindin“ und tauscht die Rollen des Ehepaars Stockmann. Birgit Stöger brilliert als Dr. Katrine Stockmann, die ihre Überzeugungen lautstark vertritt und dabei oftmals ihren Mann Tomas und ihre Kinder außen vor lässt. Thomas, ihr liebevoller Ehemann, der sich ihr augenscheinlich unterordnet, wird hingebungsvoll von Florian Köhler gespielt. Katrines Bruder Peter Stockmann, der Politiker, der sein Ansehen und seine Überzeugungen über Familie und Vernunft stellt, wird von Thomas Frank faszinierend abstoßend verkörpert. Sebastian Reiß als Chefredakteur Hovstad und Franz Solar als Druckereibesitzer Aslaksen werden ihren Rollen als Opportunisten mehr als gerecht und geben ihren Figuren genügend Tiefe um dennoch in ihrem Handeln verstanden zu werden. Die Nebenrollen – Tochter Petra, Katrines Schwiegervater Morten Kiil und die Journalistin Billing – fügen sich nahtlos in das Ensemble ein.

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(c) Lupi Spuma

Das bescheidene, moderne Bühnenbild (Monika Rovan) wirkt als nüchterner Hintergrund nicht befremdlich, sondern stärkt vielmehr die Schauspieler in ihren Darstellungen. Im letzten Teil wird der Zuschauer selbst Teil des Stücks und nahezu gezwungen, sich mit dem Recht und Unrecht der Situation auseinanderzusetzen.
Die Begriffe Wahrheit und Freiheit sind die zentralen Aspekte dieses Stücks und werden auch während der Umbauphasen mittels Videoinstallationen dem Publikum näher gebracht. Die Darsteller des Stücks gehen hier auf diese Begriffe ein – so ist es für Katrine eine absolute Pflicht, die Wahrheit zu vertreten und ihre Freiheit zu verteidigen. Die Journalisten gehen von einer Dehnbarkeit des Wahrheitsbegriffs aus und der Bürgermeister macht dies von der Mehrheit abhängig. Diese Einblendungen verstärken das Charakterbild der einzelnen Protagonisten und sind ein gelungener Kniff der Regisseurin.

Die Aktualität, die der Inhalt des Stücks gut 130 Jahre nach seiner Entstehung nach wie vor hat, ist unumstritten. Korruption und Beeinflussung durch Politik und Medien könnten nicht gegenwärtiger sein als heute und die Gefahr durch falsche Informationen in einer von Wissenschaft geprägten Gesellschaft scheint größer als je zuvor. Familie und „gute“ Tugenden verlieren im Vergleich zu Wirtschaft und Geltungsbedürfnis die Oberhand und die Meinung der Menge, sei sie falsch oder richtig, steht über allem. Demokratie als Spielball und Mittel des Missbrauchs – ein Spiegel unserer Gesellschaft, ob es uns gefällt oder nicht.

Neben außerordentlichen schauspielerischen Leistungen, allen voran Birgit Stöger, dem schlichten und modernen Bühnenbild ist es vor allem die aktuelle Thematik des Inhalts, die dieses Stück sehenswert macht.

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