Familien-un-glück: Jenůfa an der Oper Graz

Als Leoš Janáčeks Oper Jenůfa nach 10jähriger Arbeit endlich uraufgeführt werden sollte, stieß sie auf allgemeines Unverständnis und Spott. Janáček hatte den Stoff der jungen Jenůfa, deren Neugeborenes von ihrer Stiefmutter unters Eis geschoben wird, um der Tochter ein Leben als ledige Mutter in Schande und Kummer zu ersparen, gerade deshalb ausgewählt, weil er die realistische Sicht des Schauspiels von Gabriela Preissová auf die Ambivalenz des menschlichen Wesens, auf die von der Religion pervertierte Moral der ländlichen Bevölkerung und deren ebenso realistischen Sprachduktus schätzte. Publikum und Kritiker konnten das nicht verstehen.

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(c) WERNER KMETITSCH: Gal James (Jenůfa) und Iris Vermillion (Küsterin)

Diesen Realismus setzt Peter Konwitschnys Inszenierung in der Oper Graz 110 Jahre nach der Uraufführung des Werkes fort. Konwitschny vermeidet jede künstliche Effekthascherei: Es gibt keine Spezialeffekte, dementsprechend müssen alle Effekte von innen, aus dem Spiel der Darsteller kommen, nicht von außen – was der traditionellen Überwältigungsästhetik der Oper zuwiderläuft und die Inszenierung in ihrer Lebensnähe somit manchmal ungewohnt und für die Oper beinah irritierend schlicht erscheinen lässt.  Beim Kartoffelschälen sitzt man nun mal recht still in der Stube, da passiert nicht viel mehr. Es braucht vielleicht den Gedanken an diesen Impetus im Hinterkopf, um die ersten zehn Minuten stellenweise als nicht gar zu statisch zu empfinden.

Und dann passiert wieder sehr rasch sehr viel. Konwitschny spickt seine Inszenierung mit einer Fülle an narrativen Details,  die die Sänger und Sängerinnen zuweilen ganz schön fordern. Paradoxerweise gerät die Handlung so ausgerechnet im weiteren Verlauf des ersten Aktes manchmal zu einem Abspulen von Aktionen und Gesten, in denen die Figuren sich selbst manchmal beim Spielen hinterher zu hetzen scheinen, getrieben von den Ideen des Regisseurs. Wie die Inszenierung hier den DarstellerInnen in manchen Fällen keinen Gefallen tut, tun auch sie in manchen Fällen der Inszenierung keinen – etwas weniger buntes Treiben hätte hier für mehr Harmonie im Ablauf gesorgt.

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(c) WERNER KMETITSCH: Gal James (Jenufa), Aleš Briscein (Laca), Dunja Vejzovic (Die alte Buryja)

Doch das Hölzerne verspielt sich im Laufe der Aufführung und mit wachsendem Personal, die Massenszenen sind mit Liebe zum Detail arrangiert und die Sängerinnen und Sänger gehen in ihren Rollen auf. Mit dazu trägt natürlich Janáčeks stimmungsvolle Musik von mitunter hollywood-esker Qualität bei, die sich – ganz dem Realismus folgend, den er wollte – immer dann wieder einbremst, wenn sie droht, kitschig zu werden. Und doch gibt sie einem genug Melodie und große Orchesterstellen, um darin zu schwelgen.

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(c) WERNER KMETITSCH: Ensemble

Dem Realismus verbunden  zeigt sich auch die auf das nötigste reduzierte Bühne: Drei verschiedene Bodenbeläge deuten auf die drei Jahreszeiten hin, in denen die drei Akte spielen, ein Tisch und ein Bett sind als die beiden Orte, an bzw. in denen sich wesentliche Geschehnisse des alltäglichen Lebens abspielen und die damit auch Auskunft über soziale Verhältnisse und Beziehungskonstellationen geben, die einzigen „Kulissen“.

Konwitschny schafft an der Grazer Oper eine erzählungsreiche und zugängliche Inszenierung eines tragischen Stoffes, die mit intensiven sowie stimmungsvollen Bildern, ausgezeichneten und spielfreudigen Sängerinnen und Sängern und einer ebenso grandiosen Orchesterleistung das Premierenpublikum zurecht begeistert hat!

Informationen zum Stück und zu weiteren Vorstellungen: http://oper-graz.at/stueck.php?id=17638

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