„Jenůfa“: Liebe, Drama, Kindsmord und „Happy“ End

Leoš Janáčeks episches Stück beeindruckend inszeniert von Peter Konwitschny an der Oper Graz

Die schwangere Heldin Jenůfa wartet auf die Rückkehr des trinkfreudigen Stewas, den sie insgeheim heiraten möchte, da sie ansonsten als „Single-Mom“ ein schandvolles Leben führen müsste. Stewas Halbbruder Laca buhlt ebenso um ihre Gunst, in seiner Eifersucht führt er ihr aber eine tiefe Verletzung an der Wange zu. Derart entstellt will Stewa Jenůfa nun doch nicht mehr zur Frau nehmen. Jenůfas Ziehmutter, genannt die „Küsterin“, möchte der jungen Frau aus dieser tragischen Notsituation helfen und entledigt sich des neugeborenen Kindes. Dadurch hofft sie, Laca werde die nunmehr von Stewa verlassene Jenůfa zur Frau nehmen. Bis es soweit kommen kann, müssen die Beteiligten aber noch einiges durchstehen…

jeunfa ensemble

(c) Werner Kmetitsch

 

Jenůfa wird in tschechischer Sprache aufgeführt – für das Grazer Publikum werden selbstverständlich die deutschen Übertitel eingeblendet. Dies ist zunächst zwar gewöhnungsbedürftig, hindert aber nicht daran, dem Verlauf des Stückes zu folgen (bei Zuschauern in den ersten Reihen macht sich am Ende der knapp 3-stündigen Aufführung dennoch ein leichtes Ziehen im Nacken bemerkbar).

Besonders gut gelungen ist die implizite Darstellung der Jahreszeiten durch außergewöhnliche Lichteffekte und ein schlichtes, aber gefinkeltes Bühnenbild: Während zu Beginn des ersten Aktes reichlich Kartoffeln wortwörtlich über die Bühne fliegen (Herbst), bezaubern am Ende des zweiten Aktes zarte herabfallende Schneeflocken (Winter), im dritten Akt hingegen ein Meer von sonnengelben Blumen (Frühling). Zu Recht wird am Bühnenbild gespart – bei dem höchst dramatischen Inhalt wären pompöse Kulissen zu viel des Guten gewesen.

Junefa Küsterin

(c) Werner Kmetitsch

 

Hervorzuheben ist auch die Tatsache, dass Jenůfa zur Gattung der durchkomponierten Opern zählt, es gibt somit keine Dialoge oder Rezitative, sondern einen ununterbrochenen melodiösen Fluss. Das Orchester, unter der Leitung von Dirk Kaftan, punktet durch sehr einfühlsame crescendi und harmonische Übergänge zwischen piano und forte. Lobenswert ist auch das unmittelbar auf der Bühne vorgetragene Violinsolo im zweiten Akt.

In dieser zweiten Aufführung des Stückes an der Grazer Oper musste die eigentliche Besetzung des Laca, Ales Briscein, krankheitsbedingt absagen. Der extra aus London eingeflogene Tenor, der kurzfristig für diese Rolle einsprang, meisterte trotz anfänglicher Unsicherheit seinen Part bravourös. Taylan Reinhard als korpulenter Lebemann Stewa und Iris Vermillion als Jenůfas Ziehmutter bewiesen eine äußerst starke schauspielerische und stimmliche Präsenz. Doch besondere Würdigung verdienen die Besetzungen der Nebenrollen, die in ihren – bedauerlicherweise – wenigen Auftritten gesangliche Bestleistungen boten. Beispielsweise kamen die Zuschauer nur im dritten Akt in den Genuss von Tatjana Miyus´ wunderbar glasklarer und kraftvoller Sopranstimme in der Rolle der Karolka. Gut gelungen sind auch die Ensembleszenen – so mutiert das Zusammenfinden der äußerst angeheiterten Landsgesellschaft völlig unerwartet zu einer parodierten Orgie unter freiem Himmel.

Der dritte und letzte Akt endet mit einem vermeintlichen „Happy End“ – Jenůfa und Laca finden in anscheinend idyllischem Ambiente zusammen, doch der perplexe Gesichtsausdruck so mancher der am Tisch sitzenden Gäste spricht für sich – kann Jenůfa tatsächlich so viel Leid und Schmerz verzeihen? Oder hält die gesellschaftliche Hypokrisie, die zur „Vertuschung“ der Realität und zum Akzeptieren von trügerischen moralischen Zwangsvorstellungen führt, uns so stark in ihrem Spinnennetz gefangen ?

Darüber schließt sich der letzte Vorhang. Liebe, Drama, Kindsmord, heitere Lebenslust und „Happy End“ – gewürdigt mit entsprechendem Applaus.

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