Dr. Jekyll und Mr. Hyde

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© Lupi Spuma

 

Dass der Mensch kein rein vernunftbegabtes Wesen ist, sondern Triebe in sich trägt, denen er wehrlos ausgesetzt ist, stellt längst kein Geheimnis mehr dar. Spätestens seit dem Jahr 1917, als Sigmund Freud seine essayistische Arbeit Über die Schwierigkeit der Psychoanalyse mit dem tragenden Urteil „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“ veröffentlicht hat, ist die Welt über die Unzulänglichkeit der menschlichen Rationalität aufgeklärt. Umso erstaunlicher wirkt der Umstand, dass der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson diesen Freud’schen Theorien bereits im Jahr 1886 mit seiner Novelle The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde sehr, sehr nahe kommt.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes mit zwei Seelen in seiner Brust. Zum Einen: Der bürgerlich angesehene Dr. Jekyll, hoch gesittet, ordentlich und fromm. Zum Anderen: Der gefahndete Straftäter Mr. Hyde, barbarisch, triebhaft und gesetzlos. Dass dieser Handlungskern umfangreiche Interpretationsräume schafft, hat Philipp Jenkens (Regisseur der aktuellen Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Inszenierung auf der Probebühne Graz) erkannt und zu einer alternativen, aber keineswegs misslungenen Darbietung genutzt. Obgleich sich also die Inszenierung nicht werkgetreu verhält, bleibt der Kern und Geist der Vorlage erhalten (wozu inszenatorische Feinheiten wie eine Spiegelwand oder eine Drehtür für den ständigen Transformationsprozess Jekyll-Hyde ihren Beitrag leisten). Vor allem aber lebt das Stück von seinen männlichen Schauspielern und der grandiosen – in Doppelrolle auftretenden – Pia Luise Händler. Am meisten Eindruck vermochte aber das ungestüme Alter Ego Dr. Jekylls zu machen: Mr. Hyde, dargestellt von Kaspar Locher, der aus der Rolle des Konventionen verachtenden Fieslings ihr gesamtes Potential zu schöpfen wusste. Besonders die regelmäßige Integration des Publikums gestaltete den Abend fließend und unterhaltsam, und begründete den über mehrere Minuten anhaltenden Applaus der ZuschauerInnen.

Summa summarum: Eine verspielte und zeitgleich sehr intelligente Inszenierung, wie sie im modernen Regietheater leider nur noch selten zu sehen ist.

Teaser:

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