„Sei nicht du selbst“ – eine Hommage an die Fiktion

Thomas Frank, Lorenz Kabas, Katharina Klar, Adrian Gillot oder Charles Adrian Gillot und Julian Meding sind Schauspieler. Sie sind in Österreich, Deutschland oder England geboren, 26 – 49 Jahre alt, wohnen allein, mit Familie oder in einer WG. Sie alle hatten traumatische Erlebnisse mit Tieren, Familienmitgliedern, mit sich selbst. Und genau das verkörpern sie, genau das enthüllen sie. Auf der Bühne. In einem Theaterstück.

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

 

Sei Nicht du Selbst ist das Gegenstück zum Leitspruch der 90iger und 2000er Jahre „Sei du selbst“. Demnach sind Authentizität und Individualität das höchste Gut, sowohl in der Kunst als auch im echten Leben. Nun plädiert Nikitin für das Gegenteil, „Sei nicht du selbst“, und nimmt die ZuschauerInnen mit auf eine lustige Achterbahnfahrt zwischen Fakt und Fiktion.

In drei Phasen geteilt beginnt Sei nicht du selbst mit einem realistischen Teil, indem sich die SchauspielerInnen vorstellen, intime Geheimnisse ausplaudern und einfach sie selbst sind (oder sich selbst spielen?). Nach und nach verlieren die einst so authentischen Geschichten aber an Plausibilität. Details werden verändert, Rollen getauscht. Die Moderation zwischen den einzelnen Phasen des Stücks bringt die ohnehin schwankende Illusion zu Bruch. Der Zuschauer wird erinnert: Das ist ein Theaterstück. Theaterstücke sind fiktional. Auch wenn die kleine Katharina Klar immer glaubte, dass es im Theater um echte Gefühle ginge. Nein, Theater ist Fake und das ist gut so.

Regisseur Boris Nikitin, zuletzt am Schauspielhaus mit Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl, hat mit Sei nicht du selbst eine gelungene Hommage an die Fiktion und damit an die Kunst als Ganzes geschaffen. In einem Wechselspiel zwischen scheinbaren Fakten und offensichtlichen ‚Lügen‘ ertappt man sich als Zuseher gelegentlich bei der suspension of disbelief, um dann durch plötzliche metanarrative Unterbrechungen wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt zu werden. Letztlich hat man nicht das Gefühl, ein Theaterstück gesehen zu haben. Es fehlt der Plot, die Figuren, die Spannung, die Fiktion. Oder war das etwa alles da? Sei nicht du selbst ist zweifellos eine Theatererfahrung der etwas anderen Art, wenn man für ein bisschen Monotonie und wenig Action offen ist, aber dennoch eine die sich lohnt.

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