„No border! No nation! Stop deportation!“ – „Niemandsland“ im Schauspielhaus Graz

Niemandsland ist zweifelsohne ein Stück, das bewegt. Yael Ronen hat es geschafft, aktuelle politische Bezüge in einem Theaterstück so zu verpacken, ohne dass diese zu sehr von der eigentlichen Thematik ablenken. Das Thema Flucht spielt eine ganz zentrale Rolle innerhalb dieses Stückes und tritt doch in den Hintergrund, denn Liebe und Fürsorge übernehmen zunehmend die Oberhand.

Die Bosnierin Asra ist im Zuge des Jugoslawienkrieges mit ihrer kleinen Tochter Leyla nach Österreich geflüchtet und arbeitet nun in Graz als Kammerjägerin. Herausragend und stoisch abwesend von Birgit Stöger gespielt offenbart sich hier bereits ein gewisser Zynismus. „Ich töte Schädlinge“ könnte genauso gut von Seiten der bosnischen Serben im Zuge der so genannten „ethnischen Säuberungen“ im Krieg kommen, entstammt hier aber dem Mund der geflohenen Bosnierin. Die Vorstellung, dass ihre, nun erwachsene und politisch engagierte Tochter Leyla in Palästina arbeiten will, nimmt ihr jegliches Verständnis und fördert ihre Angst.

Seyneb Saleh, Birgit Stöger (c) Lupi Spuma

Seyneb Saleh, Birgit Stöger (c) Lupi Spuma

Dass viele Zeugen dieser Geschehnisse nicht über ihre Erlebnisse berichten wollen ist ebenso eine Form der Kommunikation wie ihre körperlichen Zusammenbrüche. Ronen setzt dies so geschickt ein, dass diese eigentlich kühlen Kommunikationsformen sehr stark die warme Fürsorge ausdrücken, die eine Mutter nur haben kann, wenn ihre Tochter freiwillig in ein Kriegsgebiet gehen will.

Leyla, die jedoch zu Hause nicht über den Krieg sprechen darf und zudem von einem „komplexen Vaterkomplex“ geprägt ist, der sich, trotz Beziehung zum Deutsch-Serben Milos, durch eine Affäre mit dem Kriegsreporter Fabian ausdrückt, ist jedoch von ihrem Entschluss nicht mehr abzubringen.

Dieser zitiert, aufgrund seiner Erlebnisse nahe dem Burnout, im Alkoholrausch Zeilen aus Nirvanas Lithium. Am 20. Todestag Kurt Cobains stimmen diese Zeilen natürlich sehr nachdenklich:

I’m so happy ‚cause today
I’ve found my friends …
They’re in my head

In Palästina angekommen lernt Leyla den Künstler Osama kennen, der von seiner israelischen Ehefrau Jasmin, die nach Österreich immigriert ist, getrennt lebt, da in ihren Heimatländern ein gemeinsames Zusammenleben nicht möglich ist. Diese Geschichte ist übrigens auf der realen Geschichte der beiden Darsteller Osama Zatar und Jasmin Avissar aufgebaut. Jasmin probiert nun mittels eines umtriebigen Anwalts, für Osama Asyl in Österreich zu beantragen.

Julius Feldmeier, Osama Zatar, Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Julius Feldmeier, Osama Zatar, Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Alles in allem gibt es sechs verschiedene Handlungsstränge, die eng miteinander verwoben sind und passenderweise in Graz kulminieren. Untermalt werden diese von teils traumatisierenden Tanzeinlagen, politischen Einflüssen wie der „No border, no nation“-Strömung, der Macht der Medien, die sich nur für das Leid in einer Region der Welt interessieren wollen und den mehrfachen Hinweisen auf neue Formen der Berichterstattung in sozialen Netzwerken wie Blogs oder Youtube. Eingespielte Telefonate und Videosequenzen unterstreichen zudem die Aktualität des Stückes, das trotz dieser vielen Einflüsse sehr gut strukturiert wirkt.

Niemandsland ist ein absolut sehenswertes Stück, das durchaus gängige gesellschaftliche Praktiken und Konstrukte, wie das des Nationalstaats in einer globalisierten Welt in Frage stellt. Ronen setzt hier ganz deutlich ein Zeichen hin zur Humanität und weg von der Nationalität. Vielleicht ist dieser Ansatz konservativen Gemütern zu progressiv, aber darauf will und soll bei dieser sensiblen Thematik keine Rücksicht genommen werden.

Auch wenn dieses Stück nicht unbedingt einfach zu verdauen ist, so möchte ich doch wieder auf Lithium und dessen Ende zurück kommen:

I’m not gonna crack

Und irgendwie wird zum Schluss ja doch alles gut. Danke.

Weietere Informationen zum Stück und den kommenden Terminen gibt es hier.

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