„La Favorite“

Wie modern darf Oper sein?

Nachdem vor wenigen Jahren eine Inszenierung von Richard Wagners Rienzi-Oper Soldatenuniformen im Stile der Schutzstaffel anstelle von Ritterbekleidung in historischer Pracht zur Schau geboten hat, kam es in den Feuilletons zu großer Empörung. Selbstverständlich war der mediale Aufschrei vorhersehbar gewesen. Es ist schließlich nicht unbezeichnend, dass es sich bei dieser Oper um gerade jenes Musikwerk handelt, das den jungen Hitler – in gewiss rückblickender Verklärung – zum großen Führertum inspiriert haben soll: Ein Umstand, der zu einem unausgesprochenen Aufführungsverbot des Rienzi nach 1945 (bis hinein ins 21. Jahrhundert) geführt hat. Über diese Problematik hinaus hat die umstrittene Aufführung aus der Berliner Staatsoper jedoch einer weiteren, mir ungleich bedeutender erscheinenden Frage zu breitem Echo im deutschsprachigen Kulturleben verholfen: Wo fängt inszenatorische Freiheit an, wo endet sie?
An sich ist die Idee, Machtstrukturen des spätmittelalterlichen Roms auf Machtstrukturen im Dritten Reich zu übertragen, genauso wenig verwerflich, wie eine Liebesgeschichte aus dem 14. Jahrhundert (um 1340, Kastilien) im 20. Jahrhundert (60-Jahre, USA) anzusiedeln. Problematisch wird es allerdings, den goldenen Königsweg zwischen „altem“ Libretto und „neuer“ Handlung einzuschlagen. Denn wer mag dem interessierten Zuseher verübeln, sich mit der nicht unberechtigten Frage zu konfrontieren, weshalb Funktionäre des nationalsozialistischen Deutschlands italienische Namen tragen. Oder aus welchem Grund diese mit Maschinengewehren ausgestattet sind, wo doch von Schwertern und Schildern die Rede ist. Und warum in Gottes Namen ist zur Mitte des 20. Jahrhunderts vom antiken Magistrat des Volkstribunen die Rede?

Um meiner langen Rede kurzen Sinn zu verleihen: Veränderte Handlung verlangt verändertes Wort, aber – so wage ich schüchtern zu fragen – hat Tyrannenmacht nicht eine Grenze? „An das Wort muss man sich halten!“, protestierte einst Joachim Kaiser, einer der letzten Mohikaner der deutschsprachigen Großkritik, „den Geist kennen wir alle nicht. Aber das Wort, das haben wir schwarz auf weiß.“

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© Oper Graz/Werner Kmetitsch

 

Die Problematik des modernen Regietheaters würde nicht einen beträchtlichen Anteil dieser Rezension einnehmen, stöße man nicht auf sie auch bei Sam Browns aktueller Inszenierung von Donizettis Favoritin am Opernhaus Graz.
Zunächst eins vorweg: Die Musik ist fabelhaft. Wer jemals in den Genuss einer Liebeselixier- oder Regimentstochter-Aufführung gekommen ist, weiß, dass Donizetti zurecht als einer der größten Komponisten der Operngeschichte gefeiert wird. Auch SängerInnen und Orchester wussten zu überzeugen – wie der Publikumsapplaus am Ende der Vorstellung unter Beweis stellte; Tenor und Fernand-Darsteller Yijie Shi erntete dabei den Löwenanteil der begeisterten Zurufe (besonders hörenswert: seine glänzend vorgetragene Romanze „Un ange, une femme inconnue“ zu Beginn des ersten Aktes). Dass jedoch die euphorische Begeisterung des Publikums bei Regisseur Sam Brown deutlich bescheidener ausgefallen ist, und es sogar zu einem unüberhörbaren Buh-Ruf aus einer Loge gekommen ist, zeigt, dass an diesem Premierenabend wohl doch nicht alle ZuseherInnen auf ihre Kosten gekommen sind.

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© Oper Graz/Werner Kmetitsch

 

Worauf möchte ich hinaus? Auf ein generelles Regietheaterverdikt? Nichts läge mir ferner! Modernisierungen und Neuinterpretationen darf und soll es geben – insofern die Freiheit der Regie mit der Vergegenwärtigung der musikalischen Aussage übereinstimmt, und Gesehenes Gehörtes nicht konterkariert.

Aber nach einer minimalistischen Lohengrin-Inszenierung und einem Lederjacke-tragenden Tamino in einer enttäuschenden Zauberflöte muss auch die Frage gestellt werden dürfen: Wo bleiben die altbewährten, traditionellen Operndarbietungen aus glanzvolleren Tagen? Man denke an eine Traviata im Stile Zeffirellis. Oder eine Tosca-Verfilmung in der Regie von Brian Large. Gerade diese so zahlreich bewunderte Werktreue ist es, die die Oper im 21. Jahrhundert nicht mehr zu bieten imstande ist, weil viele Intendanten es nach Fritz Kortner halten, der gesagt hat: „Werktreue ist Faulheit“. Aber ist sie das tatsächlich? Mitnichten, denn es gibt eine aktive, leidenschaftliche und intelligente Form der Werktreue, die einem talentierten Regisseur nicht weniger Potential abverlangt als ein inszenatorischer Neuzugang; hierzu seien die großen Opernverfilmungen der New Yorker Met aus den 70er- und frühen 80er-Jahren anzuraten.

Der entscheidende Punkt ist also nicht das Bestehen von modernem Regietheater, sondern das Nichtbestehen von Alternativen. Besucht man das Opernhaus im slowenischen Marburg (das in regelmäßigen Abständen prächtige Inszenierungen auf die Bühne zu bringen in der Lage ist!), trifft man nahezu ausschließlich auf vergraulte steirische Musikfreunde, die vor ihrer Landeshauptstadt die Flucht ergriffen haben. Eine Schande, bedenkt man, dass es sich beim Opernhaus Graz um eine staatlich finanzierte Institution handelt und demnach gerade eine solche Institution möglichst zahlreiche Geschmäcker zu treffen anstreben, und nicht stur und starrsinnig auf einer einzigen künstlerischen Linie beharren sollte; einer Linie, die Daniel Kehlmann bei den Salzburger Festspielen im Jahre 2009 sehr treffend als „letzte verbliebene Schrumpfform linker Ideologien“ denunzierte und mit dieser harschen Abrechnung einer großen Anzahl von enttäuschten Opernenthusiasten auf rührende Weise aus dem Herzen gesprochen hat.

Zum Abschluss möchte ich darauf hinweisen, dass diese Kritik keiner Sängerin, keinem Sänger; keiner Musikerin, keinem Musiker; keinem Dirigenten gilt. Sie alle tragen keine Schuld. Meine Kritik soll einzig als Aufruf verstanden werden, der – auf eine simple Formel gebracht – von entscheidungstragenden Verantwortlichen der Kulturlandschaft seit Jahrzehnten ignoriert wird: Komponist in den Vorder-, Regisseur in den Hintergrund! Es ist Donizetti, der erlebt werden möchte, nicht Sam Brown; Mozart, nicht Mariame Clément; Richard Wagner, nicht Johannes Erant. Schließlich – ob man mir Glauben schenken möchte oder nicht – gibt es Gründe, weshalb manche Namen über Jahrhunderte bestehen bleiben, und manche morgen vergessen sind.

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