Die Kraft Wiens

Im Stile eines Fußballkommentars startet das Stück aus dem noch anhaltenden Trubel des Grazer Schauspielhauses. Der Saal wird nicht verdunkelt, man wartet lediglich darauf, dass sich die Gäste gesetzt haben und schon läuft die Mannschaft ein.

Die Mannschaft besteht aus Birgit Stöger, Sebastian Klein, Knut Berger, Julius Feldmeier und Michael Ronen, dem Bruder der Regisseurin. Dass er anders ist als die anderen Darstellerinnen und Darsteller wird gekonnt in Szene gesetzt. Anstatt des Trainingsanzuges der anderen Teammitglieder soll er die Gefangenenuniform eines KZ-Häftlings tragen. Seine Geschichte wird hier erzählt, die Geschichte eines Mannes, der nicht in den Kriegswirren Israels leben möchte sondern im ruhigen Wien, der Stadt, aus der sein Großvater in den 1930er Jahren geflohen ist.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Redet Ronen über seine Geschichte, dann redet er auf hebräisch, seiner Muttersprache. Eine Übersetzung wird dazu auf das Spielfeld projiziert, das als Bühnenbild dient. An gleicher Stelle werden auch Regieanweisungen in Bezug auf die Position des Bühnenbilds im Stile einer Taktikanweisung bekannt gegeben, die die Schauspieler für die nächste Szene zu befolgen haben. Generell stellt Fußball das Medium der Erzählung dar. Wieso, weshalb und warum erklärt uns der von Sebastian Klein gespielte Ultra Ulf, der von seinem Verein Hannover 96 mit einem fünfjährigen Stadionverbot belegt wurde und den Ronen (dessen Figur in diesem Stück Fröhlich heißt) bei einem Bier trifft. Hakoah Wien war bzw. ist der Name eines jüdischen Fußballvereins, der zu Zeiten der Ersten Republik zu den stärksten Österreichs zählte. Die erste kontinentaleuropäische Mannschaft, die es schaffte, ein Spiel in England zu gewinnen, Meister 1925. Und eben dort spielte auch Michaels Großvater, bei der Kraft Wiens (Hakoah ist hebräisch für Kraft).

Immer wieder wird Michael , der als israelischer Soldat in Wien Vorträge halten soll und desertiert, mit der Vergangenheit seines Großvaters konfrontiert. Insbesondere nachdem er die Psychologin Michaela trifft, deren Großmutter, so stellt es sich heraus, Jüdin und die große Liebe des Großvaters von Michael war. Während Michaela nun damit beginnt sich mit ihrer jüdischen Vergangenheit zu befassen versucht sich Michael aus der Rolle zu lösen, die das Leben in Israel für ihn bedeutet: Kriegsführung für das „Experiment mit dem jüdischen Staat“.

Michaels Blick in die Vergangenheit zu Hakoah Wien (c) Lupi Spuma

Michaels Blick in die Vergangenheit zu Hakoah Wien (c) Lupi Spuma

Genauso wie in Niemandsland positioniert Yael Ronen in diesem Stück viel Kritik: Kritik an Religion und Nation. Warum ist es für Juden wichtig, einen eigenen Staat zu haben? Diese Frage wird durch Michaels Großvater schnell geklärt:

Kein Israeli hat Krieg als Hobby. […] Wir kämpfen nicht, weil wir Krieg lieben. Wir kämpfen, weil wir normal leben wollen, wir ihr.

Somit wird hier ganz klar eine Notwendigkeit dargestellt. Eine Notwendigkeit, einzig und allein aus dem Grund heraus, dass Religion annähernd überall so wichtig für das nationale Verständnis zu sein scheint, sodass man aufgrund dieser Eigenschaft damit beginnt, andere Menschen auszugrenzen, wie es in der Shoah geschehen ist.

All diese Kritik verpackt Yael Ronen in der Parabel des Fußballs. Einer Sportart, die bis in die tiefsten Ecken archaisch tradiert ist und als intolerant gilt. Wo es heute noch vorkommt, dass dunkelhäutige Spieler mit Auffenlauten bedacht werden und wo sich noch kein aktiver Profi zur Homosexualität bekannt hat, dabei wird Fußball im Stück dargestellt als

die größte homoerotische Massenveranstaltung seit dem römischen Dampfbad.

Über das gesamte Stück wird man durch ein gewisses Unbehagen begleitet. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich dachte: „Scheisse, so ist es wirklich“. Und doch habe ich, was man aus dieser Rezension bisher sicherlich noch nicht entnehmen konnte, selten so viel in einem Drama gelacht. Ich habe herzlich viel gelacht, über tiefen Srakasmus, ja sogar auch Zynismus. Über gute Witze und Situationskomik. Und doch braucht das Stück Zeit, um es zu verarbeiten. Denn im Prinzip teilt Yael Ronen aus, die volle Breitseite gegenüber Gesellschaft und Nationalismus. Ich ziehe meinen imaginären Hut.

Am vierten Juni wird Hakoah Wien zum vorerst letzten Mal im Grazer Schauspielhaus gezeigt, weitere Informationen dazu gibt es auf der Seite des Schauspielhauses.

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