„La Favorite“ – Der Sieg geht an Musik, Gesang und Ausstattung!

Die Kulissen auf der Bühne der Grazer Oper sind ja häufig ambitioniert, doch was Sam Brown und Annemarie Woods für La Favorite von Gaetano Donizetti aufgebaut haben, ist noch eine Nummer größer als das bisher Bekannte. Während der erste Akt der Oper um den jungen Novizen Fernand, der sich in die schöne Lénor verliebt und dafür das Kloster verlässt, jedoch enttäuscht wird und zurückkehrt, noch recht schlicht bzw. originell-witzig – angesichts des überdimensionierten Busses im wahrsten Sinn des Wortes – ‚daherkommt‘, überwältigen im zweiten und dritten Akt die Kulissen, die die gesamte Bühne mit der Architektur incl. Decke (!) eines holzgetäfelten, halbrunden Arbeitszimmers/Audienzsaals des „Herrschers“ bzw. der mintgrün-biomorphen Abflug-/Ankunftshalle eines Flughafens einnehmen und überspannen. Das ist, auch für Grazer Verhältnisse, wo man große Bühnenbilder eigentlich ohnehin gewohnt ist, imposant!

(c) WERNER KMETITSCH

Opulent wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme. Sie fügen sich chic in den 50ies/60ies-Style des ästhetisch runden Gesamtkonzepts, das immer wieder phantastische (Stand-)Bilder abgibt und in seiner Mischung aus Pastellfarben und heiterer Zukunftshoffnung eine stimmige – und im bestem Sinn „hübsche“ – optische Entsprechung zur lieblichen, wirklich bezaubernden Musik Donizettis bietet. Diese Musik – und das scheint in Opern, deren stimmungs- und effektvollste Arien man in der Regel aus der Fernsehwerbung kennt und im Vergleich zu denen der ‚musikalische Rest‘ dem unwissenden, naiven Operngänger (wie ich einer bin) zuweilen als Lückenfüller erscheint, eine Seltenheit – kennt keine Schwäche, keine Durststrecken, trägt von Anfang bis Ende konstant! Und auch die Stimmen kennen keine Schwächen, für diese Produktion gilt: tatsächlich alle Stimmen überzeugen!

Fernand bekommt schließlich die Hand Lénors, doch hat er dies nicht seinem Werben, sondern Alphonse, dem König von Kastilien zu verdanken, der sich Lénor als Mätresse gehalten hat und sie nun, um dem Papst genüge zu tun und weil sie ihm untreu war, Fernand als Belohnung für dessen militärischen Einsatz im Sieg über die Mauren zur Frau gibt. Als Fernand erfährt, dass Lénor die ehemalige Mätresse des Herrschers ist, kehrt er – sie zu erschießen überlegt er sich dann doch noch anders – enttäuscht ins Kloster zurück, wohin Lénor ihm zur Aussprache folgt und stirbt.

(c) WERNER KMETITSCH

Klostergarten gibt es in dieser Inszenierung keinen, statt des Klosters endet die Geschichte (Ironie?) in einer Sargfabrik, und auch Ort und Zeit der Handlung um 1340 in Kastilien sucht man auf der Grazer Bühne vergebens. Sam Brown hat die Geschichte in die USA der Mitte des vergangen Jahrhunderts transponiert, nicht umsonst erinnert der Audienzsaal des Herrschers als oval office an jenes des US-Präsidenten. Was er mit dieser Aktualisierung sagen und worauf die Interpretation hinaus will, wird beim Zuschauen leider nicht wirklich deutlich. Eingefleischte Kenner kann dies stören, für den naiven Besucher mag der empfundene Mangel an Tiefe etwas schade sein, doch in musikalischer und visueller Hinsicht überzeugt der Abend mit seinem klaren, ästhetischen Programm und der Liebe zum dekorativen Detail eindrucksvoll!

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2 Kommentare zu “„La Favorite“ – Der Sieg geht an Musik, Gesang und Ausstattung!

  1. Schade, lese ich keine Sängernamen trotz des Titels „Der Sieg geht an Musik, Gesang und Ausstattung!“ Denn für mich sind in einer Oper die SängerInnen immer noch das Wichtigste und ich bin immer wieder neugierig auf Namen.

    Aber die Besprechung ist unterhaltsam geschrieben und ich werde bestimmt wieder auf Deinen Blog kommen. Mit einem Gruss aus Zürich Papageno

    • Hallo, Papageno, erstmal danke für den positiven Teil deiner Rückmeldung! 🙂

      Wenn du dich in der Opernwelt auskennst, versteh ich deinen Einwand/Wunsch! Ich versuch aber mal, dir meinen Gedankengang zu erläutern: Einerseits hab ich mich in Anbetracht der studentischen Zielgruppe, an die sich der Kultref-Blog wohl als Kernzielgruppe richtet, entschieden, auf die Nennung der Sänger und Sängerinnen weitgehend zu verzichten, da sie den (meisten) der wenigen Leser und Leserinnen wohl ohnehin nicht geläufig sind. Ich selbst empfinde Namedropping beim Lesen von Rezensionen zudem eher als störend, weil es den Lesefluss unterbricht bzw. verzögert und in den meisten Fällen – abgesehen von wirklich bekannten Namen – für einen mit naivem Interesse das Ganze Verfolgenden (wie mich und wohl die meisten hier) wenig informativ sind. Da die Besetzung sich manchmal ändert, ist es für mich zudem wichtiger, das Gesamtbild im Auge zu behalten! Für alle näher Interessierten bietet sich sowieso der Blick auf die Homepage der Oper an, dort findet man alle Darsteller detailliert aufgelistet. Falls ich vergessen hab, einen Link anzuhängen (und du dich nicht ohnehin schon selbst schlau gemacht hast), hier bitte: http://oper-graz.at/stueck.php?id=17639

      Liebe Grüße aus Graz

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