IVANOV (Anton Tschechow)

Mit 20 ist man noch ein Held, mit 30 schon erschöpft und mit 40 gänzlich unbrauchbar.

Ein junger Mensch erfährt vom Mordkomplott an einem alten Schweden, möchte diesen vor der drohenden Gefahr warnen und muss resignieren, als der Alte nicht die geringsten Anstalten zu unternehmen bereit ist, sich aus dem Bett seines schäbigen Motelzimmers zu erheben und die Flucht zu ergreifen – längst hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden.

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(C) Schauspielhaus Graz/ Lupi Spuma

Es ist nicht der Inhalt von Tschechows Ivanov, den ich wiedergebe, sondern der Inhalt von Hemingways Killern, einer 1927 veröffentlichten Erzählung, die zu den bedeutendsten gehört, die die nordamerikanische Literatur des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht hat. Dennoch wäre es unbegründbar, sie in dieser Rezension anzuführen, beinhalte sie nicht einen wesentlichen Aspekt, der – wenn auch nicht in selber Intensität – dem Kerngedanken von Tschechows Stück sehr nahe kommt: Die Diskrepanz zwischen jugendlichem Idealismus und altersbedingter Resignation. So wie Nick, der junge Protagonist aus Hemingways Erzählung, alles daran setzt, das Unvermeidbar zu vermeiden, brannte auch die Intellektuellenfigur des Ivanov einst für Ideale, die zu einer modifizierten, einer verbesserten Gesellschaft führen sollten. Doch vergleichbar mit Hemingways altem Schweden Ole Andreson hat auch Ivanov, ein mittlerweile in die Jahre gekommener Landgutsbesitzer eingesehen, dass sein Einfluss auf das weltliche Geschehen Grenzen kennt, und die Zeit herangebrochen ist, seinen reformatorischen Ideen einer weniger lebhaften, weniger hoffnungsvollen Weltanschauung Platz zu machen. Die Enttäuschung über die Unzulänglichkeit seiner eigenen Möglichkeiten schafft schließlich die Grundlage für jenes Dilemma, das dem 1887 erstmals veröffentlichten Theaterstück zugrunde liegt: Ein Dilemma, das auch und vor allem von zeitgenössischen Schriftstellern (sei es Milan Kundera oder Martin Walser) thematisiert wurde und unter dem Anglizismus „Midlife-Crisis“ Eingang in den modernen deutschen Sprachgebrauch gefunden hat.
Ivanov – sowohl unzufrieden mit seinem Ehe-, als auch Berufsleben – ist somit der klassische Vertreter eines vom Leben gebeutelten Mannes, und flüchtet sich – wie schon manch anderer vom Leben gebeutelter Mann vor ihm – in ein amouröses Abenteuer, das sich ihm auf dem Nachbarshof der Lebedevs in Gestalt von Sascha (im Stück dargeboten vom langjährigen Schauspielhaus-Graz-Ensemblemitglied Katharina Klar) , der Tochter des alten Lebedevs, offeriert. Doch Ivanov ist sich darüber bewusst, dass er die Probleme, die das Leben um ihn gehäuft hat, nicht gänzlich von sich abschütteln kann – und findet den allerletzten Ausweg im Freitod.

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(C) Schauspielhaus Graz/ Lupi Spuma

Die Inszenierung von Jan Jochymski dauert zweieinhalb Stunden, und offen gesprochen sind es überraschend gut gespielte und unterhaltsame zweieinhalb Stunden. Einen beträchtlichen Beitrag an diesem hohen Unterhaltungswert trägt mit Sicherheit die schauspielerische Leistung des Ensembles (hervorzuheben sind im Besonderen Titelrollendarsteller Marco Albrecht und Kaspar Locher, Darsteller des Borkin, Trunkbold und Gutsverwalter). Auch an komödiantischen Elementen, die mehrmals lautstarkes Lachen im Saalpublikum hervorzurufen wussten, fehlte es nicht; dass diese komödiantischen Elemente in einer Tragödie, und somit auch in der Originalvorlage, nicht vorkommen, ist verzeihlich (schließlich ist bekannt, dass der Meister selbst seinen Ivanov ursprünglich als Komödie geplant hat). Dennoch wäre vor allem zu Beginn der zweiten Theaterhälfte etwas weniger Slapstick und mehr Ernsthaftigkeit wünschenswert gewesen – allen voran, weil sich Sinnhaftigkeit und Kohärenz des Gebotenen im Spaß und Gelächter oftmals zu verlieren gedroht haben.
Alles in allem: Ein souveräner Theaternachmittag, der durch eine intelligente Inszenierung das Moderne, das Zeitenüberdauernde an einem Dichter und seinem Stück hervorhebt, das zugegebenermaßen bereits etwas Staub angesammelt hat und wohl nicht ganz zu Unrecht im Schatten der großen Meisterwürfe wie dem Kirschgarten, den drei Schwestern oder einer Erzählung, die ich aus Tschechows Feder besonders schätze (wohl ist es auch seine Berühmteste): Die Dame mit dem Hündchen steht. Jochymski aber ist es gelungen, das Werk von diesem Staub zu befreien (wenn auch nicht zur Gänze, schließlich bleibt – und dies sei als kein Vorwurf zu verstehen – der Archetyp des „überflüssigen Menschen“ ein Produkt der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, der in unserer Gesellschaft seit dem Niedergang des aristokratischen Bildungsbürgertums in der von Puschkin und eben Tschechow dargestellten Weise nicht mehr anzutreffen ist).
Abschließend bleibt ein großes Lob an Regisseur und SchauspielerInnen auszusprechen! Es war ein Vergnügen!

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