„Sein oder nicht sein“ mit Nikolaj Alexejevitsch IVANOV am Schauspielhaus Graz

„Dumm ist lustig“, ein Sager, der einem angesichts des Antihelden Ivanov einfallen mag, der intellektuell und moralisch weit über den meisten anderen Figuren des Stückes zu stehen scheint, denn lustig ist er keineswegs. Doch Tschechow wäre ein schlechterer Dramatiker gewesen, als er es war, wenn die Dinge so einfach wären: Ausgerechnet der laute und aufdringliche Taugenichts von Graf ist es, der eine Heirat als Geschäft ausschlägt und Ivanovs, ein intellektueller und unglücklicher Gutsbesitzer, dem Tod geweihte Frau Anna/Sarah mit ihrem Kummer nicht allein lässt und ihr Gesellschaft leistet, während ihr Mann sich des Abends aus der Tristesse des nahenden Todes auf das Gut eines ehemaligen Freundes Lebedev flüchtet und sich von dessen Tochter Sascha, jung, schön und irgendwann eine reiche Erbin, anhimmeln lässt. Ausgerechnet die Ärztin, die Ivanov zum Wohle seiner Frau zur Kur und ehelicher Häuslichkeit bewegen will, ist es, die darüber in einen Fanatismus gerät und sich zur Richterin aufschwingt. Ausgerechnet der Vater, der gegen die Heirat ist, ist es, der dann doch dafür ist.

Doch natürlich gibt es die Dummen, die sich heiter-tragisch durchs Leben retten, von Schnaps zu Schnapsidee und weiter zur Ernüchterung, zum Kater: die junge Witwe Marfa Babakina, drall und hohl, der Spieler Dimitrij und der Nichtsnutz Dudkin, Lebedevs Frau Sinaida Savischna, die großzügig mit der Stachelbeerkonfitüre ist, aber das Geld zusammenhält. Gutsverwalter Mischa ist ein gerissenes Schlitzohr, das seinen Weg in und über die Babakina hinweg schon machen wird und die alte Nasarovna wird sie wohl noch alle überleben. Jedenfalls den Ivanov, der sich zum Ende des Stückes, noch am Abend der Vermählung mit Sascha, so wird angedeutet, das Leben nimmt.

Ivanov will es gut machen, und macht doch alles falsch. Er ist ein Idealist, der die Notwendigkeiten des Lebens nicht versteht. Er ist ehrlich, und dabei verletzend. Er ist ein Egoist, aber nicht schlecht. Er will niemanden übervorteilen, aber auch nichts geschenkt bekommen und er verlangt keine Rechte, will aber auch keine Pflichten. In seiner Unentschlossenheit und Passivität zerreißt es ihn und er verliert nach und nach alles, obwohl er doch mit den besten Voraussetzungen ins Leben gegangen ist. Er hätte die Zügel in der Hand (gehabt).

Image

(c) Lupi Spuma

Seine Frau Anna/Sarah, die für ihn ihre Eltern und ihren Glauben aufgegeben hat und nun an Tuberkulose stirbt, hat keine Wahl mehr und hatte in den letzten fünf Jahren auch keine, nur die Liebe zu Ivanov, dem die Liebe zu ihr allerdings vergangen ist. Dieses Dilemma manifestieren die beiden in einer beinahe tänzerischen Choreographie, der wohl stärksten Szene der Inszenierung. Die Liebe komme für einen Mann an dritter Stelle, meint Sascha zum zukünftigen Witwer/ihrem Zukünftigen: Er spreche mit seiner Frau, er verbringe schöne Stunden mit ihr, und irgendwann begrabe er sie. Doch für eine Frau sei die Liebe das ganze Leben. Und obwohl sie einander hinsichtlich der Unsicherheiten und Zweifel, die sie ob ihrer Hochzeit empfinden, mehr als in Kenntnis setzen und versichern, ringen sie sich, unter einem Machtwort des Lebedev, der von Anfang an gegen die Verbindung war, dann doch zum Gang in die Kirche durch, weil sie einander, trotz aller Bedenken, doch lieben.

Image

(c) Lupi Spuma

Etwas Schilf, eine Wand aus Teppichen, ein paar unmotivierte aber ausgiebig in die Inszenierung einbezogene Wasserlachen, eine Schräge und etwas Mobiliar – Raimund Orfeo Voigt und Denise Heschl haben Kulissen gestaltet, die so konkret wie nötig wird, um die russische Einöde bzw. den Salon der reichsten Familie des Distrikts auf die Bühne zu bringen. An der Inszenierung von Jan Jochymski gibt es im Grunde nichts auszusetzen. Gut – man hätte nach der Pause etwas weniger Slapstick bringen, etwas weniger schreien und brüllen können, das hätte das Spiel gegen Ende zuweilen etwas differenzierter gestaltet, Ivanov hätte sich nicht bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen (nein, nicht weil ich konservativ wäre, sondern weil es der Geschichte nichts gebracht hat!), der Musikeinsatz hätte manchmal etwas sensibler sein können und die Schlussszene wirkte etwas ‚zusammengemantscht‘, aber das alles konnte der eindrücklichen und starken Tragödie Tschechows nichts anhaben!

 

Weitere Vorstellungen und Informationen zum Stück: http://schauspielhaus-graz.at/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=17819

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s