IVANOV – Ein theatralischer Blick in die Moderne

Anton P. Tschechow schuf mit seinem ersten Bühnenstück ein visionäres Abbild einer zerfallenden Gesellschaft

Antiheld und Namensgeber des Stückes ist Nikolaj Alexejevitsch Ivanov. Einst eine schillernde Persönlichkeit, fühlt sich Ivanov nunmehr beruflich und privat völlig am Ende. Von seiner einstigen Lebenslust ist nichts mehr geblieben: Er interessiert sich nicht mehr für revolutionäre Ideen und hat sich von seiner todkranken Frau Anna emotional völlig entfernt. Einziger Lichtblick in seinem tristen Dasein ist Sascha, die 20-jährige Tochter seiner Nachbarn, der Familie Lebedev. Ihr reines, unschuldiges Herz schlägt nur für Ivanov. Sie scheint in ihm das zu sehen, was er früher einmal war. Ivanov verbringt also seine Tage in zwei Parallelwelten: dem bedrückenden Alltag in seinem Haus und den beschwingten, heiteren Soirées der Lebedevs. Dort wird Karten gespielt, verkuppelt, gelacht, über die Abwesenden gelästert und getrunken. Über Umwege und über Annas Tod kommt es schließlich zur Hochzeit – doch der Schein trügt. Ivanov erkennt sich selbst nicht mehr. Kann Sascha ihn aus seinem Tief herausholen ? Oder scheitert er letztendlich daran, dass er sich als Einziger selbst nicht mehr helfen kann?

ivanov

(c) Lupi Spuma

Das Bühnenbild bettet das Geschehen in einen malerischen Rahmen ein; es wechselt hin- und her zwischen einem Kornfeld mit düsterem Licht und Nebel und dem pompösen, mit Teppichen tapezierten Salon der Lebedevs. Den Rest erledigt das grandiose Ensemble. Gastschauspieler Marco Albrecht interpretiert Ivanovs Wahnsinn sehr glaubwürdig; Katharina Klar als emanzipierte und freche Sascha brüllt, nörgelt und liebäugelt sich durch das Stück. Auch auf der musikalischen Ebene überraschen ein paar unerwartete, komische Einlagen.

Tschechow war ein Meister im Abbilden von Gesellschaften und dessen Abgründen. In seinem ersten Stück verpackt er ein tragisches Abbild seiner Zeit: einstige Intellektuelle, die dem Trunk und der Depressionen verfallen. Er stellt den Hamlet‘schen Ivanov vor dem Hintergrund eines ungebildeten Landes Osteuropas gegen Ende des 19. Jahrhunderts dar. Ivanov wollte mit seinen Ideen „das System verändern“, doch suchte er eher „das Wahre im Falschen“. Daran zerbricht er letzten Endes.

nebedev

(c) Lupi Spuma

Man vermag es kaum zu glauben, dass Ivanov aus dem Jahr 1887 stammt, ist es doch ein zu tiefst modernes Stück. Seit jeher stellen wir uns die Daseinsfrage: Wozu leben wir? Was ist das Leben? Soll der Mensch seinem Leben höheren Ideen schenken? Ivanov ist der Vorläufer von Menschen, die heutzutage als depressiv oder Burnout-gefährdet gelten. Damals war die Medizin und Psychologie noch nicht so weit, um solche Diagnosen zu stellen. Ivanov ist der Prototyp eines Menschen, der nach Leistungen strebt, dabei in seiner Kraft keine Grenzen kennt und sich ins Extreme verausgabt, bis er in eine heftige Identitätskrise fällt und zum Nachdenken beginnt. Wie hat es soweit kommen können? Wo ist das Feuer von früher, woher kommt diese tiefe, innere Leere?

Doch wer glaubt, nach dem Besuch dieses Stückes selbst in Depressionen zu verfallen, liegt falsch – Ivanov ist in der Tat sehr erheiternd. Jan Jochymskis Inszenierung ist ein ausgewogenes Potpourri tragischer und komischer Bewegungen einer Gesellschaft.

In diesem Sinne: Nastrovje!

Nastro

(c) Lupi Spuma

 

 

 

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