Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Oder:

Wenn in einem Theaterstück vier bis fünf mal mehrere Handys der Person neben einer selbst läutet. Für viele eine Situation, die mit einem, dem Titel ähnelnden Adjektiv beschrieben werden könnte.

Wie man sich in eben dieser „Scheißsituation“ verhält? An diesem Abend sind tatsächlich zwei Arten von Menschen anwesend. Der eine, sehr kleine Teil dreht sich von der Vorderreihe um und zeigt schon beim ersten Mal mittels empörter Gesten die eigene Einstellung zu solch einem Fauxpas. Die zweite Art Mensch ist ein bisschen beschämt und fühlt mit, ist aber vom inhaltlichen Verlauf nicht unmerklich abgelenkt. Man wiederhole die Ausgangsstörung einige Mal und erhalte so, mehr als nur aufgebrachte „Da ist die Tür! Gehen Sie doch!“ Schreie aus der Vorderreihe. Kurz wird sogar pausiert, einer der Schauspieler (nun völlig abgelenkt, weiß man nicht mal mehr welcher) spricht ein trockenes „Wir unterbrechen. Ja, gehen Sie.“ Urteilen will man nicht, denn wer weiß schon, was schlimmer ist: Unkontrolliert Personen des älteren Bevölkerungsanteils anzufauchen, oder nicht schon beim ersten Mal der alten Frau neben sich helfen zu können, weil – nunja, sie hatte kein Smartphone. Wie war das nochmal mit der Tastensperre? Freigabe und dann Sternchen, umkehrt, oder überhaupt Raute und Freigabe?

Jedenfalls gehen so mitten im Stück gut zwanzig Minuten Inhalt nur dadurch verloren, dass man eher Mensch der Art Nr. 2 ist. Gespickt mit ungemütlichem Getuschel, empörten, übergenervten Schreien und der eigenen Vergessenheit im Umgang mit Nicht-Smartphones verbringt man die wertvolle Theatherzeit. Mitwirkend sind auch Gedanken, ob denn nun beim eigenen ausgeschalteten Handy doch nicht auch noch möglicherweise ein Wecker abgeht, ob es wohl wirklich ausgeschaltet ist oder denkt gar das Publikum, man selbst wäre die Übeltäterin? So viel dazu. Nun weg vom eigenen, hin zum Scheißleben des Herrn Andreas Altmann.

Unter der Regie von Christina Rast wird das gleichnamige Buch in einer rasanten Aufführung zur 100-minütigen (oder eben 80) Verbreitung von Bedrückung und ironischem Witz. Die vier Schauspieler teilen sich die Rollen der Geschwister und Eltern und erzeugen gemeinsam eindrucksvoll die persönliche Hölle von Andreas Altman im Deutschland der Nachkriegszeit. Stehen schon zu Beginn vier ähnlich angezogene Schauspieler auf der Bühne, weiß man, dass die ersten paar Minuten mit einem Ringen um die Zusammenhänge der Geschichte und der Rollenzuteilung vergehen werden.

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(c) Lupi Spuma

Genauso schnell wie das Stück verläuft, springt man doch mit auf den roten Faden und hätte ihn trotz massenhaften, schnell gesprochenen Information nie verloren, wäre da nicht die alte Dame neben dem eigenen Sitzplatz mit zwei Handys voll lauter Klingeltöne in der Tasche…

Andreas erlebt seine persönliche Hölle in einem Haushalt mit einem Vater, der den Jungen ständig zur Arbeit und immer in irgendeinem Zusammenhang auch zur Strafe verdonnert, aber ohne Mutter, denn die will sich dem Vater nicht mehr gegenüberstellen und befindet sich in psychischer Behandlung. Dann sind da noch die Geschwisterchen, von denen eines sich dem strengen Regime des Vaters noch konformer unterwirft als das andere. Die Ausnahme: Manfred. Leidet Manfred, leidet Andreas – sozusagen doppeltes Leid, durch die Teilung des Leids. Aber warum? Wen man liebt, den möchte man nicht leiden sehen. Tut man es doch, leidet man umso mehr.

Was die Hölle sonst noch so ausmacht und das Leben nochmals so scheiße?

Die fehlende Mutter, das fehlende Geld, die Strafen, die Arbeit, die fehlenden Perspektiven, die fehlende Liebe, der eindeutig nicht fehlende Katholizismus, die fehlende Sexualbildung, die – kurz gesagt – Stumpfheit des Daseins. „Auch das kann Hölle sein.“

Die vier Schauspieler treiben ein rastloses Spiel an und erzählen unzählige kurze Sequenzen, die einem die Scheusale des ländlichen Lebens nach dem Krieg mit der Religon und die eines autoritären Vaters (selbst mit autoritärem Vater) nicht nur näher, sondern tatsächlich sehr nahe bringen. Durch diese Rastlosigkeit vermittelt das Stück, wozu Worte und Darstellung nicht genügen. Man ist ergriffen und bewundert. Das Stück gefällt, die Leistung der Schauspieler ist grandios.

Das soll v.a. bei folgenden Anmerkungen im Hinterkopf bleiben, die sich ihrerseits doch vehement auf hinterem Platz bemerkbar machen und deshalb kurz nach vorne treten müssen.

Etwas befremdlich ist, dass die Sexszene in einer abstrusen Art dargestellt wird, die genau repräsentiert, was im Stück kritisiert wird und davon abgesehen im realen Leben genauso stark präsent (oder eben nicht) ist: Sex ist ein Tabu. Im Stück ist es der Katholizismus, den der Protagonist als Grund erkennt, weshalb man so gar keine Ahnung hat, was es mit diesem Sex auf sich hat.

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(c) Lupi Spuma

Das Stück selbst führt dann aber die Darstellung von Sex in sehr plumper Art aus, zieht es ins Lächerliche, veralbert Erotik und vertut es sich damit nicht aus Prüderie mit meinem Humor, sondern aufgrund der ständig obskuren Repräsentation von sexuellen Zusammenhängen. Das Stück hätte es auf keinen Fall notwendig, sich dann genau in dieser Thematik am Register zu vergreifen, abzurutschen und dann im Dunklen zu tappen, ohne einer standhaften Aussage diesbezüglich. Hier in eine tiefe Lade der Witzkiste zu greifen, ist mehr als unnötig, ist doch der sarkastische Unterton in Kombination mit dem mimischen Witz der Schauspieler aus der obersten gegriffen.

Dort einmal angesetzt, fällt die fehlende weibliche Darstellung von den weiblichen Figuren im Stück ebenso ins Auge. Die Schwester wird abwechselnd von  einem der Männer repräsentiert (oder eben nicht) und als Frau mit Bart bezeichnet, besitzt sie doch Eigenschaften, die gesellschaftlich bevorzugt  männlichen Charakteren – je nach Ansichtsweise – zugespielt oder aufgedrückt werden. Dass die Mutter von männlichen Schauspielern dargestellt wird, erscheint dramaturgisch noch eher nachvollziehbarer, da sie nur in Briefform vertreten und nie körperlich anwesend ist. In jedem Fall stark zu hinterfragen ist die Aussage, dass man sich erhofft hatte, auszusehen wie ein deutscher Bodybuilder, dann aber doch nur einem „afrikanischen Skeletti“ ähnelt. Auch wenn das Stück 50 Jahre früher spielt, als der Krieg noch omnipräsent war, auch wenn alles nur ein Theaterstück ist – Soll sich wirklich so vorurteilend, stereotypisierend geäußert werden, in einem Stück das augenscheinlich alldem kritisch gegenüber steht?

Hilfreich dahingehend ist wohl das autobiografische Originalwerk mit demselben Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend von Andreas Altmann. Zum Bilden eigener Ansichten, hier die Termine für die kommenden Vorstellungen:

Mo, 2. Juni – Schauspielhaus Probebühne, 20.00 Uhr

D0, 5. Juni – Schauspielhaus Probebühne, 20.00 Uhr

Das Buch zum Umgang mit Handyläuten in skurril vierfacher Ausführung ist soweit noch ungeschrieben. Aber vielleicht sind bei obigen Veranstaltungen ähnliche Personen anwesend. Im Notfall selbst auf laut stellen und abwarten. Dann aber bei einem anderen Stück.

 

Trailer:

 

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