Herzbetrunken – Ein Ringelnatz-Liederabend

Eine Hommage an den Dichter Joachim Ringelnatz (1883–1934)

Samstagabend. Einen luftig prickelnden Spritzer in der Hand, sitze ich eingekuschelt in einer Ecke des Vorstellungsraumes der Ebene 3 im Schauspielhaus und warte gespannt auf das Stück des heutigen Abends: Herzbetrunken. Die Atmosphäre ist heimelig, fast fühle ich mich wie in einem zweiten Wohnzimmer – aber nur fast, da außer mir noch rund 60 weitere Leute angeregt flüsternd herumsitzen.

Die Türen gehen schließlich zu, die beiden Schauspieler begeben sich auf die Bühne – die Runde Applaus ist durchaus angebracht, wie sich in den folgenden eineinhalb Stunden herausstellen wird. Dargestellt werden der deutsche Dichter Joachim Ringelnatz (Christoph Rothenbuchner) und dessen – zumindest angebliche – Geliebte Kathi (Steffi Krautz), Besitzerin des Künstlertreffs Simplicissimus.

Ins Gedicht-Show-Off der beiden mischt sich nach und nach das Gelächter des Publikums. Auch ich kann mir das Lachen nicht verkneifen, bewundernd beobachte ich das Pärchen auf der Bühne, das es fertig bringt, kein einziges Mal auch nur ansatzweise die Mundwinkel zu verziehen, während sie ein ironisches Gedicht nach dem anderen rezitieren. Obwohl ich es vorher nicht wusste, kenne ich doch das eine oder andere Werk von Ringelnatz. Dies wird mir klar, als die beiden Darsteller dessen wirre Gedankenschnipsel über unsere Köpfe hinweg posaunen – eine äußerst amüsante Vorstellung von reisenden Ameisen, dialektalen Rotkäppchen-Erzählungen und Kugelfischeinlagen.

Doch das besondere an der Show sind nicht allein die Gedichte – es ist ihre Vertonung mit dem Klavier und ab und an auch an der Klarinette, die von Hauptdarsteller Christoph Rothenbuchner gespielt wird, was dem Stück seinen endgültigen Glanz verleiht. Denn Herzbetrunken ist kein auf Szenen aufgebautes Stück, sondern eher eine inhaltliche Aneinanderreihung von einzelnen Liedern, die von Anekdoten und Dialogen unterbrochen werden, die zwischendurch eingeworfen werden und dem Stück dessen roten Faden verleihen. So kommt es zu keiner inhaltlichen Unterbrechung und auch nicht zu Wiederholungen – der Zusehende ist im Bann, beinahe schon hypnotisiert von den irrwitzigen Absurditäten, die ihm ans Ohr geworfen werden.

Herausragend: Die schauspielerische und gesangliche Leistung der beiden DarstellerInnen, vor allem die rauchige Altstimme von Steffi Krautz hat es mir angetan.

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Christoph Rothenbuchner, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Den beiden beim Singen zuzuhören, ist pures Vergnügen; nicht nur, da sie völlig fehlerfrei intonieren – meine Ohren danken! – , sie schaffen es auch noch, jedem Lied mehr Persönlichkeit zu verleihen, als alle derzeitigen 0815-Poplieder zusammengenommen. Ein absolut erfrischendes Hörerlebnis! Noch mehr darf man die beiden um die Fähigkeit beneiden, immense Emotionssprünge zu meistern – im einen Moment noch Tränen in den Augen, den Tod der lachenden Ilse betrauernd, erzählen sie uns im nächsten schrill lachend die schrägsten Perversitäten. Eine höchst überzeugende Vorstellung, die einen hoffen lässt, dass dies doch nicht die letzte Vorstellung war…

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.

Bumerang – Joachim Ringelnatz

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