Die Scheißjugend des Andreas Altmann

Fast wäre es nicht einmal eine Scheißjugend geworden, so lange hat sich der kleine Andreas geweigert, seinen Darminhalt zu entleeren, nur um ein wenig Aufmerksamkeit von seiner Mutter zu bekommen, dass er beinah dran gestorben wäre. Er hat dann doch noch geschissen und überlebt, deshalb jetzt diese Rezension.

Eine Autobiographie. Und ein Väterroman. Man kennt sie ja schon, die Romane über diese aus dem Krieg heimgekehrten Väter, physisch und/oder psychisch versehrt, sprachlos, emotional kalt, hart, tot. Mit Franz Xaver Altmann hat es 2011 wieder einen erwischt, als die Jugendgeschichte seines Sohnes Andreas Altmann unter dem treffenden Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend veröffentlicht wurde. Und mit dem Vater erwischt es, wie üblich für dieses Genre, die ganze Familie gleich mit.

Bild

(c) Lupi Spuma

Andreas Altmann geht nicht zimperlich mit der Schilderung seines Lebens um. In der Bühnenfassung von Oliver Kluck werden erst einmal die biographischen Daten runtergerattert: von den üblichen Stationen über die privateren bis zu denen, die man sonst eher geheim halten würde: sexuelles Versagen, Urschreitherapie, Selbstverletzung etc. Und trotzdem ist dieses Leben dann doch noch geglückt, möchte man aufatmen. „Geglückt“ – gut, das für jemand anders zu behaupten, ist vermessen. Aber es ist besser geworden. Was angesichts der Ausgangslage – 1949 als noch ein Schwanz ins Zentrum des katholischen Miefs, in die private Einfamilienhölle des Altöttinger Rosenkranzkönigs hineingeboren worden zu sein – nicht sonderlich schwer war. Doch was sagen die Startbedingungen schon über den weiteren Verlauf eines Lebens aus? Nun gut, nicht gar nichts, wie Andreas Altmann vorführt, aber auch nicht alles. Schließlich ist aus dem körperlich und seelisch missbrauchten, zur Arbeit im väterlichen Devotionalienhandel ausgenutzten und weitgehend lieblos aufgewachsenen Jungen ein erfolgreicher Mann und Reisereporter geworden. Im Gegensatz zu seinem Vater, der als mondäner Schönling mit besten Aussichten „am Krieg gestorben“ ist und nach seiner Heimkehr mit der Heirat auch noch seine Braut, die Tochter eines der besten Hotels im Wallfahrtsort, und mit dieser die nachfolgende heilige Familie mit ins Unglück gerissen hat. Dabei hätte alles so schön werden können!

Hätte! Die Angst, mit erst 16 Jahren schon sein Leben vertan zu haben, die Angst vor dem Vater, die erwachende Renitenz, die erwachenden Hormone, der erwachende Kampfgeist, Sexualstörungen, Selbstverletzung, Verweigerungs- und Verteidigungsstrategien, die Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen, Schwäche, die Perversion der Religion. Westentaschenpsychologie, damit erklären zu wollen, dass Altmann später, nachdem er das verhasste Vaterhaus verlassen hat, rastlos durch die Welt gezogen sei. Diese Rastlosigkeit des Andreas mache es aber halt auch den Frauen schwer, er habe, heute 64 Jahre alt, nie eine längere Beziehung, nie eine Beziehung mit bloß einer Frau gehabt, schaltet sich am Ende des Abends die deutsche Feuilleton- und Talkshow-Welt hinzu. Nein, man selbst habe ganz andere Erfahrungen gemacht, man selbst habe den Segen der Religion als tröstend, die Kirche als schützend empfunden in seiner Jugend: Die letzte Szene wird aus Pressestimmen und Berichterstattung über Altmanns Roman collagiert – und man möchte sich zwischendurch an den Kopf greifen ob der Qualität und Stoßrichtungen der Diskussionen. Vergangenheitsbewältigung auf deutsch ist eben auch nicht viel anders als auf österreichisch. Ein „Ja aber“ kann ein wertvoller Einwand, ein  verzichtbarer Widerspruch, oder auch einfach nur Stumpfsinn sein.

Alle drei sind gute Gründe, warum es ein „Ja aber“ im Hause Altmann nicht geben darf. Hier herrschen der Vater und dessen Strenge, die sich in der Symmetrie und schlichten Ordnung des Bühnenbildes und der Kostüme widerspiegeln. Und dazwischen das Erwachsenwerden, als ob es nicht so schon schwer genug wäre! Rastlos treibt es die vier Darsteller Sebastian Klein, Florian Köhler, Franz Solar und Thomas Frank in dieser Kulisse um. Sie streifen sich die Figuren wechselweise, mal einzeln und mal als Gruppe, über: den Andreas, seine beiden älteren Brüder, den Vater, die Mutter, die psychisch am Boden vor jenem Reißaus genommen hat und ihren schulpflichtigen Kindern keine Hilfe ist, und Detta, die tumbe Haushälterin des Vaters, die hofft, von der Haushälterin zur zweiten Ehefrau des Rosenkranzkönigs aufzusteigen, wenn sie nur sein Spiel aus Gewalt und Erniedrigung mitträgt und jede seiner Schandtaten mit Eifer unterstützt.

Die Stimmungen schlagen v.a. in der zweiten Hälfte des Abends öfters um, Schenkelklopfer wechseln mit Betroffenheit: es gibt Nacktheit, es gibt Schläge, es gibt Masturbation, es gibt Blut, es gibt Bauchfürze und Weihrauch. Und am Ende des Abends gibt es verdientermaßen tosenden Applaus für eine Inszenierung, die eine dramatische Biografie auf packende Weise dramatisiert hat: laut und leise, aufrüttelnd und ergreifend, anklagend und am Ende doch wieder – nicht vergebend, nicht verständnisvoll, aber verständig: Was für ein einsamer Mann dieser Franz Xaver Altmann gewesen sein muss.

Es wäre zu wünschen, dass sich da so schnell kein Weihrauch drüberlegt. Im doppelten Sinn: Nächste Spielzeit geht’s weiter!

http://schauspielhaus-graz.at/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=18673

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s