Ein Film als Fotoalbum – Richard Linklaters „Boyhood“

Wer Richard Linklater kennt, kennt ihn vermutlich durch seine Before-Filme: Before Sunrise, Before Sunset, Before Midnight. Alle funktionieren nach demselben Prinzip: Die Figuren treffen sich und bleiben für die nächsten zwei Stunden aneinander kleben, sie sitzen, spazieren, essen, liegen, fahren – und reden. Boyhood ist ganz ähnlich, aber doch anders. Linklater hat mit diesem Film etwas Außergewöhnliches geschaffen, und gleichzeitig etwas, das typisch Linklater ist.

Da wäre einmal der zeitliche Aspekt: Jeder Before-Film ist eine Momentaufnahme, ein wenige Stunden umfassender Zustand, der im Jetzt spielt und die Vergangenheit bzw. die Welt, außerhalb derer sich die Protagonisten gerade bewegen, bloß im Gespräch thematisiert. Linklater erklärt, d.h. er zeigt und sagt nur so viel wie für das Verständnis der gegenwärtigen Lage unbedingt nötig. Jeder Before-Film bricht an einer verheißungsvollen Stelle ab, endet in einem cliff hanger, um 9 Jahre später (so viel Zeit liegt jeweils zwischen den drei bisher erschienenen, aufeinanderfolgenden Teilen) fortgesetzt zu werden. Hält Linklater sich dabei an die Aristotelische Regelpoetik der Einheit von Ort, Zeit und Handlung, so verkehrt er dieses Konzept in seinem neuesten Film vollkommen – und bleibt ihm trotzdem treu. Für die Dreharbeiten von Boyhood hat er sich zwölf Jahre Zeit genommen, jedes Jahr hat er wieder ein paar Tage gedreht und die Geschichte fortgesetzt, hat mit den tatsächlichen – und nicht nur fiktionalen – Jahressprüngen sowohl die körperliche Entwicklung der heranwachsenden Darsteller als auch Abrisse und das Fortschreiten der Weltgeschichte in diesen zwölf Jahren dokumentiert.

Rechnerisch bleiben für jedes Jahr in den ca. 160 Minuten Laufzeit des Films etwas über 10 Minuten Erzählzeit, deren erzählte Zeit jeweils kaum über einen oder zwei Tage hinausgeht und in deren Setting sich die Lebensumstände und persönliche Entwicklung der Darsteller zu Eindrücken akkumulieren (müssen). Linklater bleibt damit also dem erzählerischen Prinzip der Momentaufnahme treu: Boyhood ist, als wären 12 Before-Filme aneinandergereiht worden. Und zwischen den 12 Momentaufnahmen herrscht eine erzählerische Leere, liegt das Nicht-Erzählte – Linklater gibt den Handlungsstrang vor, die Details kann der Zuschauer selbst ergänzen, wenn er mag. Hier flirtet A mit B, am Anfang der nächsten Szene sind A und B dann verheiratet, C geschieht dasselbe mit D (abgesehen davon, dass A B wieder verlässt) und dann geschieht A selbiges wiederum mit E, wobei E zwei Szenen später nicht mehr im Leben von A vorkommt. Man ergänzt: A und E haben sich getrennt, wer aber wen verlassen hat, bleibt ungewiss, zweifellos hätten beide gute Gründe dafür gehabt. Erzählerische Freiheit wird hier zur Freiheit des Zusehers.

Offizielles Plakat zum Film, Quelle: http://www.imdb.com/title/tt1065073/

Offizielles Plakat zum Film, Quelle: http://www.imdb.com/title/tt1065073/

Linklater will mit Boyhood ein fiktionales Erwachsenwerden mit beinahe dokumentarischer Behandlung der Körper darstellen. Dieses fiktionale Heranwachsen zweier Kinder und damit das Älterwerden ihrer Mutter geschieht anhand bereits erwähnter Momentaufnahmen. Solche müssen, so sehr Linklater auch zeigen will, dass das Leben nicht (nur) aus den großen Dramen, sondern zumindest ebenso sehr aus den vielen kleinen Momenten (dazwischen) besteht, doch irgendwie charakteristisch sein – zum einen für die Stationen des Heranwachsens, zum anderen für die Stationen eines Films, der eine Geschichte erzählen soll. Hieran möchte ich zwei Gedanken anschließen: 1. Die Erwartungshaltung, mit der man als Zuschauer für gewöhnlich einem Spielfilm begegnet, wird gründlich unterlaufen, die eigene cineastische Konditionierung wird einem bewusst – weil hier eben nicht hinter jeder Ecke etwas Tragisches lauert, weil hier eben das große Unglück, das lebensverändernde Ereignis etc. nicht mit einem Schlag geschieht. 2. Die Notwendigkeit dennoch aussagekräftiger Situationen birgt die Gefahr, dabei in etwas grob Aufzählendes, Kategorisierendes, Holzschnitthaftes zu verfallen, das die Frage aufwirft, sind dies wirklich die Eckpunkte eines individuellen Lebens oder nicht manchmal bereits Klischees einer Gesellschaft: Der Umzug; der neue Mann der Mutter, der sich als Alkoholiker entpuppt; der dritte Mann der Mutter, der auch nicht viel besser ist; zum 15. Geburtstag – typisch amerikanisch – gibt’s eine Schrotflinte und eine Bibel von den – typisch amerikanisch – überchristlichen Stiefgroßeltern; altes, klappriges erstes eigenes Auto; Minijob als Küchenhilfe während der High School; Alkohol, Gras und Schmusen hinten im Wagen; erster Sex im fremden Bett bei der ersten gemeinsamen Übernachtung auswärts; Trennung, weil sie am College den Lacrosse-Spieler dem trübsinnigen Kunst-Nerd vorzieht… Und dann gibt es wieder die vielen Kleinigkeiten, die, obwohl ebenso abgedroschen, unmittelbar als echt erscheinen: die Kabbeleien der Geschwister, die Monotonie in den Antworten der Pubertierenden auf Fragen der Eltern, etc.

Und bei all dem wird, wieder typisch Linklater, viel geredet: Viel Altkluges, vielleicht Abgedroschenes, manchmal lächerlich Anmutendes, aber doch auch wahr Erscheinendes.  Es gibt peinliche Aufklärungsgespräche, weltanschauliche Monologe im Julia Engelmann-Style, George W. Bush-Bashing und Obama-Mania, pubertäres Gemaule und verliebtes Schwärmen. Alles schön und gut, doch manchmal wird es beinah etwas zu viel des Guten.

Und doch ist Boyhood ein wunderbarer Film über das Wachsen und Älterwerden, über das sich Verändern und doch seinen Kern bewahren, über das Zusammenbleiben und Auseinandergehen von Beziehungen, über sich entfaltendes Potential und sich auftuende Abgründe, über die größeren Stationen und noch mehr Kleinigkeiten. Unaufgeregt, dabei aber nicht langweilig, kurzweilig, dabei aber auch nie unter Spannung. Interesse ist wohl die richtige Rezeptionshaltung – Interesse von lat. ‚interesse‘ für ‚dazwischen sein‘. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, nicht Tragödie oder Komödie, nicht großartig oder scheiße – es bewegt sich in dem Dazwischen. Und man selbst ist, wenn man mittendrin ist, dazwischen. Und im Kino eben Beobachter, interesselos und gleichzeitig interessiert, wie es sich entwickelt.

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