Meanwhile bei anderen Schreiberlingen: Literatur und Widerstand #2

FreiSchreiben. Literatur und Widerstand #2

Kulturzentrum bei den Minoriten

http://www.kultum.at/?d=freischreiben-literatur-und-widerstand

Ein hitziger Tag, dementsprechend dämmend die Stimmung bei den Minoriten. Warm und träge geht es los, hitzig hört es auf. Platz am Podium nehmen der Moderator Thomas Scholkinger, links von ihm Autor Mirsad Sijarić und rechts von ihm Autorin Oksana Sabuschko. Die äußersten Plätze zu beiden Seiten nehmen Silvia Schultermandl und Ninja Reichert ein. Sie sind „resümierende“ Dolmetscherin und Stimme der deutschen Übersetzungen respektive.

Eine kurze Einführung vom Moderator erfüllt den Zweck und führt in die Thematiken ein: Bosnien und die Ukraine. Rauchig, schnell und monoton liest Mirsad Sijarić seinen Text. Sein Bosnisch ist mir unverständlich, meiner Kroatisch sprechenden Begleitung eine Freude. Noch lässt nichts seinen trockenen Humor vorausahnen und nichts lässt den gewieften Sarkasmus durchscheinen, den er später im Interview herausblitzen lassen wird.

(c) Arnur

(c) Arnur

Die vorgelesene deutsche Übersetzung eines Teiles des 800-seitigen Werkes Noch eine Weise von der Liebe und vom Krieg besteht aus nur einem Satz (der bestimmt 20 Minuten dauert). Es wird dabei das präsidiale Zimmer beschrieben, ein jämmerliches Abbild jämmerlicher politischer Realität in Bosnien. Genau da hakt auch Mirsad Sijarić später ein. Er spricht von der teilweise teilnahmslosen und unfähigen, teilweise selbst vom Pessimismus geschlagenen Regierung, die mit einem monströsen System von über 5 Präsidenten, 13 Kanzlern und über 130 Ministerpräsidenten sich selbst nicht hilft und es womöglich auch nicht kann. Die Hilfe von EU oder USA verweigert er nicht, aber seine Skepsis ist klar: Was wissen die schon?

Die Flutkatastrophe ist, um eine womöglich unpassende Metapher anzubringen, wahrlich ein mächtiger Tropfen, der das Fass erneut zum Überlaufen bringt. Mirsad Sijarić sieht in Österreich Alltäglichkeit und kann es beinahe kaum glauben. Er findet in Bosnien davon keine Spur. Zwischen Graz und Sarajevo liegen sowohl Welten als eigentlich auch keine – so anders, aber so nah. Über das Buch mag er nicht sprechen, auf die meisten Fragen, die ihm häufig gestellt werden, weiß er selbst auch nichts zu antworten. Mit der Lyrik hat er abgeschlossen. Über Veränderung möchte er (frei) schreiben und reden. Er arbeitet eigentlich als Archäologe im bosnischen Nationalmuseum. Eigentlich? Das bosnische Nationalmuseum ist seit über einem Jahr geschlossen und damit wohl das einzige Nationalmuseum der Welt. Die Gründe? Ein Streit über die Subventionierung konnte nicht gelöst werden, ein Jahr lang arbeiteten Mirsad und Co freiwillig unbezahlt weiter. Nun ist das Museum geschlossen und daher, verkorksterweise, der Streit gelöst. Ich frage mich, wo das Geld hin ist, um das gestritten wurde. Ich frage mich, wie laut wohl gelacht werden würde, stellte ich diese Frage, denn wo kommt schon alles andere an Geld hin und ist das denn überhaupt relevant?

Oksana Sabuschko ist ein starker Kontrast zu Mirsad Sijarić. Nicht nur, dass sie ihre Stimme zu enthusiastischer Betonung benutzt, Selbstbewusstsein ausstrahlt und sich selbst als „that tragic soprano“ beschreibt – nein, ihre Message ist auch eine bisschen andere. So warnte sie uns vor „all the shit that is happening, and all the shit that is going to happen soon“ und fordert dazu auf, dem entgegenzuwirken. Sie hat ihren Widerstand in der Literatur gefunden, der ihren Anfang zu Zeiten Tschernobyls fand. Einen frühen Gipfel fand ihre Karriere 1996 im Roman Feldstudien über ukrainischen Sex. Seit dem geht es mit ihrem Erfolg stetig bergauf, in ihrem Land viel länger schon bergab.

(c) Ivan Put

(c) Ivan Put

Sie ist, nach eigenen Angaben, in der Ukraine berühmt. Was es für sie heißt, berühmt, womöglich ein Star zu sein? Berühmt sein heißt nur, beliebt bei den Medien zu sein, antwortet sie realitätsnah. Sie zitiert immer wieder philosophische Größen, die meisten mit dem Klassiker „Was it x who said y…“ eingeleitet. Und antwortet mit der Gegenfrage „Can we ever be sure what really is?“ auf die Frage, wie sie ihre politischen Einstellungen überprüft, wie sie sicher sein kann, dass sie der „richtigen Meinung“ ist. In ihrem Roman Museum der vergessenen Geheimnisse können nur die LeserInnen aus einer Art Vogelperspektive die ganze Geschichte und alle Einzelheiten überblicken. „The reader is put in the position of the all-knowing God.“ Sie befürchtet, ähnlich wie wir alle längst, dass wir nie genug, geschweige denn alles wissen. Und von dort muss man sich mit Intention, Emotion und Intelligenz auf eine bewusst entschiedene Position vorhangeln, um diese dann einzuvernehmen und zu vertreten.

Mit so oder so ähnlichen Gedanken gehe ich nach Hause und bin unzufrieden trotz meiner „fetten Bedingungen“. Was machen wir alle noch hier und kritisieren unsere offenen (!) Kulturstätten? Literatur und Widerstand müsste man machen. Alternativ wäre wohl eines von beiden ein guter Anfang. Inspirierender Abend, nicht nur meteorologisch heiß. Augen auf und Daumen drücken für ein mögliches Freischreiben #3.

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