Das Fräulein lässt sich empfehlen…

Fräulein Julie im Schauspielhaus Graz

Zum letzten Mal zeigte die Probebühne des Schauspielhauses die Inszenierung von August Strindbergs Fräulein Julie unter der Leitung von Alexandra Liedtke. Packende 60 Minuten Theater – gut durchdacht von vorne bis hinten, kein einziges Mal verlieren die Darstellenden an Authentizität, die Musik untermalt mit traurig-süßen Klängen (Matthias Jakisic) und das Bühnenbild überzeugt mit einer Mischung aus Sterilität (neonbeleuchteter Küchenboden) und Romantik (Blütenregen). Und obwohl das Stück nun schon über 100 Jahre alt ist, hat es noch keineswegs an seiner Aktualität verloren: die beiden Grundannahmen der Figuren – „Mensch ist Mensch“ versus „Mensch ist nicht gleich Mensch“ – gelten auch noch in unserer Zeit.

Mittsommernacht. Die wilde Julie – eine emotional seiltanzende Tabea Bettin, die die Komplexität ihrer Figur mit selten gesehener Natürlichkeit spielt – verliebt sich in ihren Bediensteten, Jean, dargestellt von Thomas Frank. Dieser ist mit der Köchin Kristin verlobt, die „weiß, wo ihr Platz ist“ und streng an ihrem Glauben festhält – eine wunderbar kaltblütige Pia Luise Händler. Julie verführt und lässt sich verführen. Doch sobald die Nacht vergangen und der Zauber der Mittsommernacht verflogen ist, zeigt sich das wahre Gesicht Jeans – eine eindringliche Darstellung des janusköpfigen Dieners durch Thomas Frank, der dessen Zerrissenheit gekonnt auf die Bühne bringt.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Die zentrale Frage – „Ist Mensch gleich Mensch“? – ist nicht bloß Thema der damaligen Zeit. Auch heute noch stellt sich die Elite – die Intellektuellen mit höherer Bildung, die Reichen, die Schönen – geistig über die weniger Gebildeten, die Ärmeren, die sogenannte Unterschicht. Man fühlt sich – wenn auch nicht immer böswillig oder bewusst – wichtiger als andere; man folgt, genauso wie die Aristokratie aus Julies Zeit, einem bestimmten Verhaltenskodex. Diesen zu brechen bedeutet, seine höhere Stellung in Frage zu stellen, sie vielleicht sogar aufzugeben.

Und Selbstaufgabe ist das, was Julie antreibt – eine junge Frau, die in das enge Korsett ihres Status gesteckt wird und langsam darin zu ersticken droht. Ihr einziger Ausweg: der Diener Jean. Er zerschneidet dieses Korsett – doch ohne dieses ist Julie nicht nur frei, sondern auch nackt und schutzlos. Die Fragilität dieser im ersten Moment stark wirkenden jungen Frau, die sich in die Hände eines Mannes begibt und daran zerbricht, ist ergreifend – vor allem aber spezifiziert sie die Fragestellung, ob ein Mensch denn nun gleich Mensch sei. Die Frage lautet nun: Ist Mann gleich Frau? Und die traurige Antwort des Stückes, und damit sein Bezug zur Gegenwart, lautet „Nein“.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Ohne Ehre und ohne Geld wird Julie zur Untergebenen Jeans, die Rollen haben sich vertauscht; und können sich auch nur in dieser Konstellation vertauschen – wäre Jean der Aristokrat gewesen, hätte er seine Ehre nicht verloren. Doch ist diese krasse Darstellung vom Emanzipationsalptraum noch auf unsere heutige Zeit transferierbar? In gewissem Sinne ja. Und wenn man es auch nur darauf bezieht, wie sehr die positive oder negative Beurteilung einer promiskuitiven Person von deren Geschlecht abhängt. Also ist Mensch doch nicht gleich Mensch. Jetzt nicht, und auch nicht vor 100 Jahren.

Fazit: Ein blütenbeflatterter Neonleuchtenküchenboden, drei äußerst talentierte SchauspielerInnen und eine emotionsdichte Tragödie: Eine gelungene Kurz-Inszenierung von Strindbergs Fräulein Julie.

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