„Fräulein Julie“

Man betritt die Probebühne des Grazer Schauspielhauses – diesmal wirkt sie noch düsterer als man es ohnehin von ihr gewohnt ist. Die Bühne ist ein quadratisches Gebilde aus Leuchtelementen, das dem Raum eine mystische Stimmung verleiht.

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(c) Lupi Spuma

Kristin (Pia Luise Händler) und Jean (Thomas Frank) sind Bedienstete auf dem Anwesen eines Grafen, der verreist ist. In der Mittsommernacht haben sie die Küche für sich allein – die beiden sind verlobt. Ihre traute Zweisamkeit wird allerdings von Fräulein Julie, der Grafentochter (Tabea Bettin), gestört – zahlreiche Männer hat die schöne, junge Frau bereits verschmäht, nun will sie den Diener Jean für sich haben. Kaum mit diesem allein, beginnt sie hemmungslos mit ihm zu flirten und versucht ihn zu verführen. Schnell beginnt ein raffiniertes Spiel bestehend aus Ablehnung und Anziehung, das in purer Leidenschaft und einer gemeinsamen Nacht endet.

Absolut genial dargestellt wird dieses Liebestreiben durch tausende Rosenblätter, die wild über die Bühne und durch den Raum staben und als knöcheltiefes Blumenmeer die hell leuchtende Bodenfläche bedecken – wie üblich begleitet mit reichlich nackter Haut. Die Kulisse ist so schlicht gehalten, wie sie nur sein kann. Die DarstellerInnen arbeiten mit nichts, außer drei Bänken, einem Eimer, einem Messer und sich selbst. Die schauspielerischen Leistungen sind rundum großartig, allen voran Tabea Bettin, die das Fräulein Julie mit solcher Hingebung spielt, dass ihr selbst beim anschließend tosenden Applaus kaum ein Lächeln entkommt – so beschäftigt scheint sie noch mit ihrer Rolle zu sein.

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(c) Lupi Spuma

Am „Morgen danach“ wechseln Jean und Fräulein Julie jedoch die Rollen: Nun mutiert der scheinbar unschuldig verführte Jean zum eiskalt berechnenden Überlegenen und macht deutlich, dass er nur Fräulein Julies Geld benötigt, um sich auf und davon zu machen. Julie selbst ist eine Gedemütigte. Wieder entspinnt sich ein Wechselspiel aus Leidenschaft, Zärtlichkeit, totaler Ablehnung und Verachtung, in das auch Kristin miteinstimmt, die das gesamte Stück über allgegenwärtig durch den Raum wandert, alles beobachtet und den beiden ihre Missachtung und Abscheu offenlegt.

Als sich die Heimkehr des Grafen ankündigt ist Julie verzweifelt – sie kann weder fliehen noch bleiben. Jean gibt ihr ein Messer und mimt wieder den braven Diener, der seinem Herrn die geputzten Stiefel bringt. Julie bleibt allein auf der Bühne zurück. Die Lichtelemente werden nach der Reihe abgeschaltet. Ein einzelner roter Lichtkegel liegt auf ihr. Sie kniet in sich zusammengesunken auf dem Boden. Das Messer in der Hand. Sie weint. Dunkelheit.

Der Trailer:

 

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