Henry Purcells „The Fairy Queen“ bei der Styriarte

DISCLAIMER: Diese Rezension besteht aus zwei Teilen von zwei Autoren, da wir beide uns bemüßigt fühlten, unsere doch teils unterschiedlichen Gedanken zu verschriftlichen.

Teil 1:

Nun gut, meine erste Oper. Halt: Semi-Oper. Ohne dieses Projekt hätte es sicher noch einige Jahre gedauert, mich für solch eine Veranstaltung zu begeistern, zumal meine musikalische Grundausbildung äußerst limitiert ist und ich bisher noch nie an das Thema Oper herangeführt wurde. Also, raus aus der Alltagskleidung, ein wenig schick machen und ab zur Helmut-List-Halle, wo Vater und Sohn Harnoncourt Henry Purcells The Fairy Queen in Szene setzen.

Der erste Eindruck: Das Bühnenbild. Eine schräge Bühne steht der Tribüne gegenüber, an deren Ende eine scheinbar wahllos zusammengezimmerte Bretterwand steht und in deren Mitte ein Platz für das Orchester eingelassen ist. Ich bin ein wenig imponiert, denn soetwas hatte ich von einer Oper nicht erwartet. Andererseits ist die Helmut-List-Halle auch kein klassisches Opernhaus, man konnte also von vornherein gespannt sein.

Ensemble Fairy Queen, Concentus Musicus, Nikolaus Harnoncourt (c) Werner Kmetitsch

Ensemble Fairy Queen, Concentus Musicus, Nikolaus Harnoncourt
(c) Werner Kmetitsch

Ich hatte ja nun wirklich gar keine Ahnung, was mich erwarten würde. Zwar hatte ich schon mehrfach den Namen Nikolaus Harnoncourt gehört und auch vernommen, dass dieser ein sehr hohes Ansehes genießt, aber zum Beispiel konnte ich mir unter dem Concentus Musicus nichts Näheres vorstellen. Aber man lernt ja immer dazu und so war es auch bei mir, als ich anstatt eines großen Flügels ein Cembalo im Orchester entdeckte. Dazu eine Laute, ein Fagott und noch viele weitere klassische Instrumente, so dass es auch für mich nach kurzer Zeit (und Studium des Programmheftes) ersichtlich wurde, dass das Concentus Musicus ein Ensemble ist, das sich der ganz „alten“ Musik verschrieben hat. Hinzu kam, dass der Arnold Schoenberg Chor nicht, wie man es vielleicht von einem Chor erwarten würde (zumindest tat ich es), statisch an einer Stelle der Bühne stehen würde, sondern, dass deren Mitglieder ebenso Schauspielerinnen und Schauspieler des Stückes waren. Hinzu kamen dann noch , wie man es sich von einer Oper sicherlich bereits erwartet hatte, die singenden Darstellerinnen und Darsteller sowie ein Tanzpärchen, das die Handlung umrahmte.

Ganz schön viele Menschen auf einmal. Und so langsam wurde mir auch klar, was Menschen überhaupt an der Oper genial finden (wie gesagt: für mich war es das erste Mal): Das Zusammenspiel von all diesen Charakteren und Musikern; geführt durch die Hand des Dirigenten und inszeniert durch seinen Sohnemann. Da passt jedes noch so kleine Detail. Hinzu kommen die unsichtbaren Arbeiten, die ebenso präzise verlaufen müssen: Beleuchtung, Kostümierung, Bühnenbau. Wenn man sich das einmal alles vor Augen führt, ist eine solche Aufführung schon eine höchst beeindruckende Leistung!

Das Stück, das u.a. auf Shakespeares Sommernachtstraum basiert, ist in fünf Akte gegliedert, wurde von den Harnoncourts stark zusammen gekürzt und hat trotzdem noch eine Länge von über zwei Stunden. Durch die Kürzung kann man natürlich nicht wirklich auf den Inhalt eingehen, da fast ausschließlich die musikalischen Szenen übernommen wurden. Harnoncourt empfindet diese Masques als zeitlos. Dazu folgendes Zitat aus dem Programmheft:

Diese Masques […] sind ein Stück im Stück. […] sie bleiben aktuell für immer […]. Wenn man das Theaterstück dazu machen würde, dann würde man das wahrscheinlich ablehnen.

Damit nimmt Harnoncourt mir gleich sämtlichen Wind aus den Segeln meiner Kritik. Denn das einzige, was mir negativ aufgefallen ist, wäre die Handlung gewesen, die man sicherlich auch kurz in zehn Minuten hätte abreißen können. Durch die Verwendung von Requisiten aus der heutigen Zeit wie einer Kettensäge hat man versucht, dem Stück einen neuen Anstrich zu geben. Ich bin zwar relativ einfach durch fleischgewordene Diskokugeln zu begeistern, doch die Tanzeinlage des Kings wäre in meinen Augen nicht wirklich notwendig gewesen. Sei’s drum: Wenn man davon absieht, war meine erste Oper ein durchwegs positives, gar imponierendes Erlebnis, was ich mir so definitiv nicht gedacht hätte!

Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus, Martina Janková  (c) Werner Kmetitsch

Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus, Martina Janková
(c) Werner Kmetitsch

Teil 2:

Man kann der Aufführung einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack zurück, den man eifrig einzuordnen versucht, ohne jedoch zu einer letztendlichen Meinung zu gelangen. Die aufreizende Darbietung mit ihrer wundervollen musikalischen Untermalung reißt den Zuseher hin und her zwischen besinnlichem Lauschen und unangenehmem Staunen. Effekte und optische Penetrationen vermischen sich zu einem eigenwilligen Gesamteindruck, der nur sekundär von der Handlung des Stückes geprägt wird.

Der Aufbau des Stückes scheint der Versuch zu sein, ein Sammelsurium musikalischer und darstellerischer Eindrücke dem Publikum präsentieren zu können. Hierdurch wirkt die ganze Geschichte jedoch zusammenhangslos, fragmentarisch und blass. Ein Roter Faden hätte dem Zuseher wohl den Weg durch das Labyrinth unsinniger Zusammenstückelungen ermöglicht und das Einfühlen in die Protagonisten ermöglicht, was aber durch die Effekthascherei nicht so recht gelingen wollte. Es wollte einfach kein Gefühl für die durchaus interessante Liebesbeziehung aufkommen, und all die wunderbaren Anspielungen und Rahmenhandlungen des Originals gingen in Klamauk und hypermodernem Pathos unter. Die Darstellung der Schauspieler verfiel immer wieder dem künstlich wirkenden Versuch, auf burleske Art und Weise komisch und zeitgemäß wirken zu wollen. Da Henry Purcells herrliche Musik jedoch durch diesen Versuch der Originalität eher litt als profitierte, neigt man dazu sich zu fragen, weshalb man nicht gleich auf jedwede Schauspielerei verzichtet hat, um dem Zuseher die Chance zu geben, wenigstens der Musik ganze Aufmerksamkeit schenken zu können.

Florian Boesch, Arnold Schoenberg Chor (c) Werner Kmetitsch

Florian Boesch, Arnold Schoenberg Chor
(c) Werner Kmetitsch

Der fünfte Akt gefiel mir persönlich noch am besten, vermutlich aber hauptsächlich aufgrund der pathetischen Musik, die philosophisch unterlegt war vom subtilen Widerstreit zwischen Kulturoptimismus und –pessimismus. Als das Stück endete und das Publikum in gewohnter Manier applaudierte, war ich dem paradoxen Empfinden ausgesetzt, nicht zu wissen, ob ich mich über das herbeigesehnte Ende freuen oder über die erlittene Frustration ärgern sollte. Man möge mich nicht falsch verstehen: Die Darbietung Purcells Musik war herrlich und auch das Stück als Ganzes war keine Qual im landläufigen Sinn. Es war bloß die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Banalität, die nach dem Ende kein wohliges Gefühl in mir zulassen wollte. Letztendlich lebt ja jedes ästhetische Unbehagen und jede Freude von der Relation zu seinem Gegenteil, was im Falle von The Fairy Queen in gedrängter Form und kurzer Zeit vonstatten ging und zumindest im psychologischen Sinn eine faszinierende Selbstbetrachtung anhand der zerrütteten Empfindungen ob der Darbietung ermöglichte – weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen. Mit geschlossenen Augen hätte man zumindest seine Freude an der musikalischen Darbietung und der herrlichen dichterischen Tiefe des Originals erleben können.

Zu guter Letzt:

Einige wenige Restkarten sind für die morgige Vorstellung noch zu haben. Wem diese zu teuer sein sollten, dem empfehle ich den Live-Mitschnitt der Premiere vom 21.6. auf Sonostream.tv.

weitere Information zum Stück gibt es auf den Seiten der Styriarte!

 

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