Piep, piep, piep – Wir haben uns alle lieb!

Ich und meine Sabberer – P´tit Albert nach einer Erzählung von Jack London, inszeniert von Lina Hölscher

Debs, Epileps, Mikros, Hydros, Sabberer. Das sind wir.
Protagonist Tom (Franz Solar) ist unser „Pfleger“ in der psychiatrischen Anstalt, die er sein Zuhause nennt. Voller Begeisterung monologisiert er vom Leben in der Institution, vom Umgang mit Ärzten und Krankenschwestern (die einen bewundert er, die eine oder andere würde er heiraten, wieder andere prügeln ihn), seinen Freunden unter den Epileptikern und Klein-Albert, seinem Lieblingssabberer.

Wir lauschen, in drei Gruppen auf jeweils zwei Stuhlreihen – rot, blau und grün – eingeteilt, seiner seltsamen Art zu erzählen und kommen nicht umhin, schmunzeln zu müssen; Wortspiele, -verdreher und -neuschöpfungen par excellence; Anspielungen en masse.
Anfangs verwirrt und orientierungslos, kichert man unsicher mit. Doch bald sollte einem dämmern: Eigentlich ist das Schauspiel gar nicht so lustig.

Franz Solar by Lupi Spuma

„Das Leben von draußen lieb ich nicht zu sehr..“ – Toms stilistischer Litotes charakterisiert seinen Blick auf die Welt – verharmlosend, naiv wie ein Kind, gleichzeitig intelligent und aufgeweckt. Er schreit, flüstert, erzählt in euphorisch-mitreißendem oder bitterbösem Ton, berührt uns, hüpft auf und ab, spielt seine Machtposition und unser Dilemma, irgendwo zwischen Beobachter- und Teilnehmerrolle zu wanken, aus. Lässt Grenzen verschwimmen. Tom ist Bewohner, Angestellter und Patient: Er ist Teil der Anstalt – einem Mikro-Kosmos in dem er sich aufgehoben fühlt und geschützt ist vor dem Draußen, der „Welt der Bären und der Löwen“.

Denn die „Bären und die Löwen“ behandelten ihn nicht gut. Er erzählt kurze Episoden von seinen Ausflügen nach „draußen“ und einem Fluchtversuch. Episoden, die von Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und brutaler Ahndung kleiner Fehler handeln. Episoden, die das Anderssein thematisieren, ebenso wie das Dazugehören-Wollen und doch Man-Selbst-Sein- und Bleiben-Wollen.
Dass auch wir Zuschauer diesem Bestreben folgen, war wahrscheinlich letztlich mit ein Grund für die kollektive Partizipation an der abschließenden Essensausgabe und die Zustimmung, als Tom uns mit „Piep, piep, piep – Wir haben uns alle lieb“ P´tit wünschte. Die Bestätigung der für uns bestimmten Rolle: die der Debs.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s