Fortuna lässt grüßen: Die „Carmina Burana“ auf den Kasematten

Carmina Burana bedeutet eigentlich Lieder aus Benediktbeuern und ist der Titel einer Handschrift, die mehrere hundert mittelalterliche Lieder und Dichtungen enthält; die Autoren sind meist anonym. Die uns heute bekannte Konzertversion entstand in den Jahren1935/36 durch die Hand Carl Orffs, der damit wohl eines der imposantesten Musikstücke geschaffen hat, das zumindest mir bekannt ist. Die drei großen Teile stehen dabei für den Lauf des menschlichen Lebens: Die Begegnung mit der Natur, der Frühling und das große Erwachen im ersten Teil (Primo vere/ Uf dem anger), die Abgründe des Lebens, darunter auch alle möglichen Schandtaten – dargestellt durch derbe Trinklieder – folgen im zweiten Teil (In Taberna), und schließlich im dritten Teil die Liebe (Cour d´amours). Sinnbildlich dargestellt wird dieses Auf und Ab des menschlichen Lebens durch das Schicksalsrad der Göttin Fortuna, die im Rahmenchor (O Fortuna) besungen wird.

Das Rad der Fortuna (c) Wikipedia

Das Rad der Fortuna (c) Wikipedia

Am 29.06. durfte man Carl Orffs Meisterwerk auf den Kasematten beiwohnen, einer würdigen Location für die Carmina Burana. Bisher war mir nur die Fassung für zwei Klaviere und Percussion bekannt, weshalb ich sehr gespannt auf die Version für das Orchester war, dessen Part das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan übernahm. Großteils war ich durchaus beeindruckt, v.a. der Tanz im ersten Teil wirkte durch die Einsätze der Bläser besonders gewaltig; dagegen gab es andere Passagen der Streicher (Estuans interius, Ego sum abbas), die ich als etwas zu weich und konturlos empfand – hier hätte ich mir eindeutig kräftige Klavierstimmen gewünscht. Dies kann allerdings auch an der besonders schwierigen Akustik der Kasematten liegen, die sich gerade bei den Solisten und der Solistin bemerkbar gemacht hat: Es ist eine wahre Meisterleistung, unter diesen Bedingungen angemessen zu singen. Besonders die Sopranistin Nazanin Ezazi bezauberte das Publikum mit ihren klaren Tönen, beim „-issime“ des Dulcissime hat sie es mit der Lautstärke allerdings etwas zu gut gemeint… Großartige Leistungen erbrachten auch Bariton André Schuen und Tenor Taylan Reinhard. Letzterer konnte als sterbender Schwan besonders überzeugen. Hier fehlte mir allerdings der Hinweis im Programmheft, dass der Tenor ein sich am Spieß drehendes Geflügel mimt– ohne diese Information kann man kaum verstehen, warum sich sein Gesang so leidend anhört.

Einen großen Kritikpunkt sehe ich allerdings im Tempo der gesamten Aufführung, das meiner Ansicht nach doch etwas zu hurtig gewählt war, was meistens nicht unbedingt auffiel, aber gerade bei Tempus est iocundum deutlich wurde: Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schnell dieses Stück ohnehin schon ist. Hier war das Tempo allerdings so gewählt, dass Chor und Orchester bei den Schlusspassagen nicht mehr einwandfrei zusammenpassten: Präzises Artikulieren bei dieser Geschwindigkeit artete leider in Ungenauigkeit und Ungereimtheiten zwischen Orchester und Chor aus.

Alles in Allem bin ich aber der Überzeugung, dass die Carmina Burana zu den großartigsten Werken überhaupt gehören. Die Darbietung der Grazer Oper auf den Kasematten war – trotz kleinerer Kritikpunkte – ein wahrer Genuss; nicht nur beim anfänglichen und abschließenden O Fortuna machte sich Gänsehaut bemerkbar. Sollte man jemals die Möglichkeit haben, die Carmina Burana live mitzuerleben, sollte man sich das auf keinen Fall entgehen lassen!

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