Haydn.SOAP (Styriarte 2014)

Die Frage nach Zusammenhang von Außenwirkung und Produkt in der Kunst gehört zu den ältesten unserer abendländischen Philosophiegeschichte. Aber aus welchen Umständen entsteht Kunst, besonders die große, geniale, die wir so sehr schätzen?

Es ist streitbar, ob Mozart im Jahre 1756 in Salzburg bereits als jener strahlender Geist das Licht der Welt erblickt hat, zu dem er im Laufe seines kurzen Lebens avancieren sollte – zumindest aber ist ihm eines in die Wiege gelegt worden: Sein Werdegang zum Komponisten. Leopold, sein Vater, gehörte zu den gefragtesten „compositeuren“ seiner Zeit, und bald schon wurde er das prägende Vorbild für den jungen Wolfgang, der bereits mit zehn Jahren einen europaweiten Bekanntheitsgrad genossen hat. Gewiss: Es wäre töricht zu behaupten, diese Umstände allein hätten Mozart den Weg zum Genie geebnet, aber ohne Zweifel lässt sich anmerken, dass die Sterne nicht schlecht für das österreichische Wunderkind standen.

Und Haydn? Es ist kein Geheimnis, dass auch hinter seinem Namen ein großer Geist steckt. Doch bezog Haydn das Geniale nicht aus ähnlich günstigen Umständen wie Mozart (jenem Komponisten, der dem musikalischen Schaffen des 24 Jahre älteren Haydn mit großem Respekt begegnete, und diesem Respekt im Jahre 1785 in seinen berühmten sechs Haydn-Quartetten Ausdruck auf anmutigster Eben zu verleihen wusste). Im Gegenteil: Haydn fehlte seit Beginn seines Lebens jene prägende Lehrerfigur, die Mozart in seinem Herrn Papa gefunden hatte. Zwar bezog er kurzzeitig Unterricht bei einem gewissen Niccola Porpora aus Italien (Gregor Seberg, der für die Leseunterhaltung des Haydn-Abends der diesjährigen Styriarte zuständig gewesen ist, erwähnte ihn), doch im Großen und Ganzen ist Joseph Haydn Zeit seines Daseins Autodidakt geblieben. So erstaunt es umso mehr, dass es diesem armen Menschen, der bereits in jungen Jahren Prügel bezogen hat, gelungen ist, aus eigenem Willen eine schöpferische Kraft zu entwickeln, die bis in unser 21. Jahrhundert spürbar geblieben ist – nicht zuletzt am 9. Juli diesen Jahres; dem Tag, an dem Haydn ein restlos ausverkauftes Publikum in die Grazer Helmut-List-Halle zu verführen gelungen ist.

Der Haydn-Abend stand – wie bereits der SOAP-Auftakt im Namen eines anderen großen österreichischen Komponisten, nämlich Franz Schubert – im Zeichen der Natur. So erklärt sich auch, dass der Einstieg in das musikalische Konzertprogramm mit Haydns Streichquartett in C, op. 33/3, oftmals auch Vogelquartett genannt, vollzogen wurde. Besonders der erste Teil des Quartetts, sein Allegro moderato, lässt die grenzenlose Freiheit jenes Vogels fühlbar werden, der über Wälder und Seen hinweg zieht, und bietet somit eine ideale Einstimmung auf das naturbezogene Leitmotiv des Abends.

Es folgen Trios für Klavier, als auch Baryton (ein Streichinstrument, das besonders im späten 17., frühen 18. Jahrhundert im Rahmen musikalischer Gesellschaften zum Einsatz gekommen ist), bis es zum Ende des Abends wieder zu einem Streichquartett (in C, op. 54/2) kommt. Dieser Umstand ist deshalb hervorzuheben, da Haydn und das Streichquartett untrennbar miteinander in Verknüpfung stehen – gilt „Papa Haydn“ doch als Erfinder, als Vater des Streichquartetts (ein gewisser Schüler von ihm, Beethoven Ludwig genannt, sollte von dieser neuen Musikform noch stark beeinflusst werden. Und in der Tat: Das 7., 8. und 9. Beethoven´sche Streichquartett [kurz auch: Rasumowsky-Quartette] zählen nicht zum Kläglichsten, was die deutschsprachige Musikgeschichte hervorzubringen imstande gewesen ist.)

Gregor Seberg, (c) Styriarte

Gregor Seberg, (c) Styriarte

Und gerade für diese biographischen Hintergründe aus Leben und Schaffen Haydns sorgen die wieder- und wiederkehrenden Lesebeiträge (entnommen den Biographischen Nachrichten von Joseph Haydn) des oben erwähnten österreichischen Schauspielers Gregor Seberg. Unter anderem erfährt der interessierte Besucher gehaltvolle Details über die Entstehungsgeschichte der sogenannten Kaiserhymne, die anno 1797 im Auftrag von Franz Josef Graf von Saurau von Haydn komponiert worden ist, und die zunächst die Nationalhymne Österreichs, und seit 1918 die Nationalhymne Deutschlands wiedergeben sollte. Mögliche Inspirationsquellen werden dabei nicht verschwiegen.

Wenn man also den Wert eines Abends daran misst, ob er uns geistigen Wachstum beschert oder nicht, so ist die Haydn.SOAP am vergangenen Mittwoch in ihrem Wert kaum zu unterschätzen.

Weitere Termine des diesjährigen Styriarte-Programms lassen sich unter folgendem Link nachlesen:

http://styriarte.com/styriarte/programm/

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