Gustav Mahler.SOAP – Die Welt als Wille

Um in die komplexe Welt von Gustav Mahlers Musik eindringen zu können, bedarf es natürlich mehr als eines Abends in der Helmut-List-Halle, aber inspirierend war die Vorführung allemal. Sie begeisterte und machte neugierig. Mahlers weltfremdes und romantisches Gemüt erscheint als die Faszination, in eine Welt einzutauchen, die der postmodernen Sachlichkeit wie eine Verzauberung trotzig entgegensteht. Die leidenschaftliche Interpretation allbekannter Ideen und Vorstellungen durch Musik kann in diesem Sinne zu einem befreienden und beseelenden Akt werden. Und auch wenn es nur ein kleiner Ausflug in Mahlers Universum war, so hat die Vorstellung gehalten, was sie versprach. Denn mehr als einen kurzen Einblick konnte sie bei bestem Willen nicht bieten.

Bereits in den ersten Minuten merkte man, was der Zweck der Veranstaltung war: Johannes Silberschneider führte (zeitweise zu humoristisch für meinen Geschmack) erläuternd und unterhaltend durch den Abend und verband die einzelnen Teile zu einem Ganzen, wobei das Hauptaugenmerk auf die kurzen Lesungen zur Person Mahlers und natürlich auf die musikalischen Darbietungen gelegt wurde. Zwei Stücke aus Lieder eines fahrenden Gesellen eröffneten die musikalischen Vorführungen, die Vorfreude und Lust auf weitere Lieder machten. Im Verlauf der 1. Hälfte wurden Lieder aus Des Knaben Wunderhorn und den Kindertotenliedern, sowie der 2. Satz der 1. Symphonie Mahlers vorgetragen. Die großartige Iris Vermillion (Mezzosopran) und Amacord Wien ließen durchwegs keine Schwächen erkennen und trugen zutiefst berührend und souverän sämtliche Stücke vor.

Mahlers Komponierhäuschen (c) styriarte

Mahlers Komponierhäuschen (c) styriarte

Unterbrochen wurden die musikalischen Vorführungen durch Lesungen von Eva Herzig, die nicht nur Lückenfüller waren, sondern durchaus die Intensität der Empfindung beim Hören der Musik erhöhten. Der Versuch, durch Textpassagen von Natalie Bauer-Lechner und Alma Mahler bessere Einblicke in die faszinierende Welt des Komponisten zu gewinnen, schien zu funktionieren. Zudem wurde eine fiktive Schaltung zur Außenstelle nach Steinbach am Attersee vorgenommen, die Gustav Mahler (gespielt von Johannes Silberschneider) in dessen Komponierhäuschen zeigte, wo er über Musik und das Leben philosophierte. Die Tiefe von Mahlers Gedanken schien nicht bei allen Besuchern ganz angekommen zu sein, denn es wurde äußerst eigenartig, als bei berührenden Textpassagen („Ich komme immer mehr dazu, nur die Tauben und Blinden für glücklich zu halten“) ein allgemeines Gelächter zu vernehmen war. Als Besonderheit wurde zudem der Abend von Vorführungen des Welte-Mignon-Flügels ergänzt, des ersten mechanischen Musikautomaten, der die Wiedergabe von Klavierstücken Mahlers im Sinne des Komponisten ermöglichte.

Die vielseitige Art der Vorführung dürfte es alles in allem geschafft haben, auch grundsätzlich weniger Interessierte in ihren Bann zu ziehen, da sehr darauf geachtet wurde, den Abend unterhaltsam zu halten. Glücklicherweise nahm die Musik – besonders nach der Pause – einen dominierenden Stellenwert ein, sodass der Abend nicht mit dem Gefühl enden musste, Gustav Mahler primär durch Nichtmusikalisches kennengelernt zu haben. Für mich persönlich waren die fünf Rückert-Lieder am Ende der Vorstellung der Höhepunkt des Abends, da insbesondere die Lieder Liebst du um Schönheit und Ich bin der Welt abhanden gekommen es ermöglichten, dem schwärmerischen Gefühl in eine fast entfremdete Sphäre zu folgen und die Welt als Vorstellung (im Sinne Schopenhauers) zugunsten des Willens vollständig zu verlieren. Und darum sollte es bei Musik ja schließlich gehen.

Informationen zu Styriarte und weiteren Konzerten unter:

http://styriarte.com

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