Vorglühen im Künstlerhaus oder: Schon mal jemanden scheißen gesehen?

Martin Creed, Work No. 600, 2006 Video, 1:38 Min., Courtesy der Künstler und Hauser & Wirth, Zürich/New York/London

Martin Creed, Work No. 600, 2006
Video, 1:38 Min., Courtesy der Künstler und Hauser & Wirth, Zürich/New York/London

Birgit Minichmayr spaziert in roter Jacke, aus deren Schultern ein surrealer, blonder Zopf bis zu ihrem Hintern wächst, durch die Ausstellung, weiß nicht so recht, wie sie auf die Arbeiten reagieren, sich betroffen zeigen oder erstaunt tun oder gar begeistert, versunken, verständig … spielen soll? Diese Videoarbeit von Schorsch Kamerun in der Haupthalle der Halle für Kunst und Medien/KM–/ehemals: Künstlerhaus stellt eine Frage, mit der man sich angesichts von Ausstellungsbesuchen zuweilen konfrontiert sieht, mag es nun an den Arbeiten liegen, oder an der Vermittlung. Ordinary freaks: Das Prinzip Coolness in Popkultur, Theater und Museum, so sperrig der Titel der Ausstellung auch klingt, macht dagegen zumindest eines: mal wieder Spaß! Zum Beispiel die Zeichnungen von Raymond Pettibon, Tusche- und Bleistiftzeichnungen, Wort-Bild-Kombinationen, die zuweilen mit dem Medium des Comicheftes spielen, um humorvolle 1-Bild-Geschichten zu erzählen. Oder habt ihr schon mal jemandem beim Scheißen zugesehen? Im Nebenraum zieht sich eine die Hose runter, hockt sich hin und scheißt in den White Cube der Videoprojektion. Blöd nur („Scheiße“, möchte man sagen), dass das Klopapier um die Ecke und in einer anderen als der filmischen Realität hängt und eher zum Abmischen als Abwischen taugt. Die Meerschweinchen in XXL-Aufnahmen von Josephine Pryde sind zumindest niedlich.

Di-So, zum Preis eines Shots, ist seit gestern in der/dem/dem KM– jeden Donnerstagabend Livemusik im Keller los. Wie das dann aussehen kann, zeigen die übrigen Arbeiten im Ausstellungsraum darüber: Die Tanzenden und eng Umschlungenen säumen die Wände – das war im Paris der 1950er von Ed van der Elsken nicht anders als im San Francisco der 1980er bei Bruce Conner oder bei Amelie von Wulffen 2001, die den zu erwartenden real life-Konzert-Exzess des Künstlerhaus-Partykellers in der Apsis und Haupthalle antizipieren: Man huldigt dem Gott der Coolness und der Popkultur. Wenn es dann noch gratis Joints gibt, ist für Raymond Pettibon Weihnachten im Juli.

So konzeptionell erzwungen und bemüht das Konzept hinter der Koproduktion mit dem steirischen herbst auch erscheinen mag und so wenig es darin überzeugt: das „Künstlerhaus KM–, Halle für Kunst & Medien (Graz)“ – so der umständliche offizielle Name des weißen Häuschens neben der Kombüse, in der man im Anschluss getrost weiterfeiern kann/sollte – hat schon weniger Spaß gemacht! Zum Vorglühen könnte man den Weg in den Partykeller des Künstlerhauses also schon mal wagen.

Link zur Ausstellung: http://www.km-k.at/de/exhibition/ordinary-freaks/

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