King Colm – Die Götter (haben allen Grund zu) weinen

In William Shakespeares Lear teilt der alternde König sein Reich unter seinen Töchtern auf, in der guten Hoffnung, deren Dankbarkeit werde bis zum Ende seiner Tage für ihn Sorge tragen und ihm Wohnung und Nahrung sichern. Doch der alte Mann geht ihnen schnell auf die Nerven und steht alsbald vor den Trümmern seiner ehemaligen Macht.

Dennis Kellys Stück Die Götter weinen tritt zu Anfang in jene Fußstapfen, um dann zur wilden Trampelei auf ‚Werten‘ und Menschenleben auszuwachsen. Colm, Erbauer und Boss eines internationalen Großkonzerns, hat die Irre, in die ihn sein Aufstieg geführt hat, erkannt: man könne sich die Welt untertan machen, müsse deswegen aber nicht zur Bestie werden. Er verteilt sein Imperium unter zwei aufstrebenden Nachfolgern, und bedingt sich Belize, den nächsten wirtschaftlichen Coup, 1,7 Millionen Hektar mittelamerikanisches Land, das als Ackerflächen zur Ernährung ihrer Population an die reicheren Länder verkauft werden soll, aus, um dort mit humanitären Projekten symbolisch Wiedergutmachung für sein bisher strenges und unerbittliches Regiment zu leisten. Doch die Konkurrenz der beiden ‚Erben‘ gerät außer Kontrolle, sie werden noch schlimmer als ihr ‚Schöpfer‘, bis sie nicht nur sich, sondern darüber auch Belize in Tod bzw. Leid treiben.

Die Götter weinen (c) Lupi Spuma

Die Götter weinen (c) Lupi Spuma

Nach 1 3/4 Stunden fällt hier der Vorhang – er wäre besser zugeblieben und hätte sich nicht mehr für einen dritten Akt geöffnet. In jenem degeneriert eine an sich aktuelle und brisante politische und wirtschaftliche Problematik zur sentimentalen Familien’tragödie‘, in der der geläuterte Kapitalistenvater auf seine verlorene Anarcho-Tochter trifft und in ihr den rechten Weg erkennt. Das top-down-Spiel der selbsternannten ‚Götter‘, zu deren Spielfiguren nicht nur die Angestellten der eigenen Firma, sondern ebenso die Bewohner des tausende Kilometer entfernten Landes werden, verliert darin bloß innere Spannung  und Nachdruck.

Die Sprache, die dem starken Ensemble gegeben wird, wirkt mitunter zu gewollt, zu explizit, zu banal, das in seiner Reduktion in sich und dem Stück stimmige und mitunter spannend variierte Bühnenbild wird in seiner schwarz-weiß-grauen Monotonie auf Dauer etwas schal. Alles in allem hätte der 2 1/4 Stunden dauernden Inszenierung (der letzten von Anna Badora als Intendantin des Schauspielhauses Graz) eine Kürzung und Fokussierung gut getan.

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Ein Kommentar zu “King Colm – Die Götter (haben allen Grund zu) weinen

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