„Können Sie dazu etwas sagen?“ – „Ich bin schwer dement, nein.. Aber sagen Sie zuerst“

Mein erster Einfall für eine Rezension wäre gewesen, einfach zu schreiben: „Ohne Worte. Selbst hingehen und anschauen!“. Das lässt sich aber nicht nur auf fast jedes x-beliebige Stück anwenden, sondern ist obendrein absolut nichtssagend. Abgesehen vielleicht vom Grad der Betroffenheit und Emotionalität, die das Stück im Publikum ausgelöst hat: Es gab angefangen mit betroffener Stille, hemmungslosem Schluchzen, anschließenden Standing Ovations, über tosenden Applaus bis hin zu einem Zusammenbruch – zugegeben, der hatte wahrscheinlich weniger mit dem Stück zu tun, als mit der körperlichen Verfassung betreffender Person – unterschiedlichste Reaktionen in der Zuschauermenge. Markant allerdings: Das Schweigen, dann erst folgte der erlösende Applaus.

Deshalb kommt hier Variante zwei – Ein Versuch der Annäherung an eine Beschreibung des dokumentarischen Figurentheaters von Nikolaus Habjan:

(c) Manuela Linshalm

Erbbiologisch und sozial minderwertig, das soll nicht nur Titel und (scherzhafte) Grabinschrift des Friedrich Zawrel sein, sondern war auch Ergebnis des Attests seines Psychiaters im Steinhof alias „Spiegelgrund“, der Kinderversuchsanstalt alias Euthanasieklinik während des NS-Regimes in Wien. Friedrich Zawrel ist Zeitzeuge, Patient und Opfer der Kriegs- und Nachkriegsgräuel in Österreich. Vor allem aber ist er ein Kind. Ein Kind, das von seinen Eltern weggezerrt, eingesperrt und misshandelt wurde. Ein Kind, das Angst hatte, das unvorstellbare Qualen erdulden musste, weil es sich weigerte, „krank“ zu sein. Ein Kind, das Widerstand leistete und in der Freundlichkeit einer Krankenschwester jene Hilfe erfuhr, die eine Flucht möglich machte, jedoch nur solange bis es seitens der Republik erneut Opfer sozialer Ungerechtigkeit und Pseudo-Entnazifizierung wurde. Denn die geschilderten Verbrechen der Nationalsozialisten wurden bis herauf ins Jahr 2000 von höchster Instanz unterstützt und vertuscht. Die Botschaft Zawrels und damit auch Habjans: Tragt die Geschichte hinaus in die Welt und vergesst nicht! Vergesst nie! Vor allem nicht, dass die Täter noch Jahrzehnte lang unbehelligt weiterpraktizierten.

Der Mehrwert, der das Stück erst Nestroypreis-fähig macht und eingangs erwähnte Betroffenheit bewirkt, ist die Art der Inszenierung und Nikolaus Habjan selbst. Autor und Regisseur des Stückes, Schauspieler und Puppenspieler in einer Person.

Nikolaus Habjan (c) Sabine Hauswirth

Nikolaus Habjan (c) Sabine Hauswirth

Wie würde sich Nikolaus Habjan äußern, könnte er die Geschichte des F. Zawrel noch einmal zum ersten Mal hören? Genau so, wie er sich auf der Bühne präsentiert: Denn, offensichtlich, das ist zumindest der Eindruck, der einem aufmerksamen Beobachter auf der Bühne vermittelt wird, freut, leidet, ja lebt Habjan mit seinen Figuren mit. Er vermittelt die Geschichte derart authentisch: er schreit, flüstert, lacht und weint. Tritt als Schauspieler meisterhaft hinter seine Figuren und ist dennoch auf der Bühne präsent, als derjenige, der im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden zieht und in seinen Figuren. Dramaturgisch spannt Habjan den Bogen vom leicht-bekömmlich, netten Einstieg über die tragisch-schockierende Lebensgeschichte des Friedrich Zawrel, genial bis zum moralisierenden Ende, das die Missstände in der österreichischen Gesellschaft noch einmal auf den Punkt bringt und zusätzlich mit Intertext von Erich Fried (Was geschieht) und einer eingeblendeten Videosequenz des „echten“ Zawrel arbeitet. Die Kritik an der niederträchtigen Mentalität (Gerhard Fritsch in Fasching lässt durch den Vergleich der österreichischen Mentalität mit einem Punschkrapfen – außen rosa, innen braun – grüßen), dem Verstecken hinter dem „erzwungenen“ Anschluss und der Opferrolle Österreichs bleibt, gerade wegen der geschickt verwebten Komik, durch die die Zuschauer nicht wissen, ob sie angesichts der Schwere der Thematik überhaupt lachen dürfen, erhalten.

Abschluss dieses Versuchs: Es schließt sich der Kreis zur abgespeckten Variante eins: „Selbst hingehen und anschauen!“

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