Schubert im Himmel – Posaunen zwischen Diesseits und Jenseits

Die Zusammenstellung des Programms des im Rahmen von recreation dargebotenen Konzerts im Stefaniensaal mit dem populär anmutenden Titel Schubert im Himmel war durchaus gewagt: Zweimal wurde man akustisch aus eben erst erlangten Gefühlslagen geworfen, indem die Gegensätzlichkeit von Schuberts und Berios Werken drastisch zum Ausdruck kam (Romantik traf dabei diesseitige Gefühlskraft). Verbindend wirkte die Posaune, die in ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeit dem Abend seine besondere Note verlieh.

Franz Schubert (c) styriarte

Franz Schubert (c) styriarte

Das Konzert begann mit Schuberts wundervoll pathetischer Ouvertüre (D 644) des romantischen Schauspiels Rosamunde, die ursprünglich für die zu Schuberts Lebzeiten nicht aufgeführte Oper Alfonso und Estrella komponiert worden war. Die sogleich Geist und Gemüt vereinnahmende Empfindsamkeit, die beim Genuss jenes Meisterwerks unwillkürlich aufkam, wurde im Anschluss durch Luciano Berios experimentierfreudiges SOLO für Posaune und Orchester allmählich abgeflacht. Man hatte das Gefühl, man würde aus jener eben noch erhebenden Lebensfreude in die trüben Abgründe weltlicher Tristesse hinabsteigen. Jene düstere Atmosphäre – die insbesondere durch den progressiven Einsatz der Posaune zustande kam – wirkte nahezu beklemmend. Vermutlich war es der starke Kontrast der beiden Werke, der diese eigenartige Wirkung mit sich brachte. Die empfundene Schönheit beim Hören der Ouvertüre wurde in langatmiger Art und Weise durch die von Frederic Belli gespielten Posaune zermürbt und abgetötet. Als endlich die Pause begann, war vom Zauber der ersten 10 Minuten nichts mehr zu spüren und man sah Zuhörer, die das ersehnte Ende mit Freude begrüßten. Luciano Berios SOLO war zwar überaus interessant (Frederic Belli brillierte mit seinem Instrument!), hätte aber wohl ein anderes Vorprogramm benötigt. Man mochte sich an die Berichte zur Uraufführung von Beethovens 8. Symphonie erinnert fühlen, die unter dem Eindruck der davor aufgeführten 7. Symphonie zu leiden hatte.

Nach der Pause wurde Schuberts Symphonie Nr. 10 (D 936A) in der Bearbeitung von Brian Newbould als krönender Abschluss des Konzertabends aufgeführt. Jene Symphonie verfasste Schubert in seinem Todesjahr, konnte sie jedoch nicht mehr selbst vollenden. Sie besteht lediglich aus drei Sätzen (u.a. fehlt ihr das Finale), die vom britischen Musikforscher Newbould nachträglich komplettiert wurden. Alles in allem beeindruckte die Symphonie durch jene tiefgehende Leichtigkeit, die vielen Werken Schuberts eigen ist. Allein der ergreifende 1. Satz (Allegro maestoso) rechtfertigte den Besuch! Am Ende konnte man, berührt vom eben gehörten, den Saal zufriedenen Blickes verlassen.

Die interessante Gestaltung des Konzertabends (durchaus nicht euphemistisch gemeint) führte jedenfalls schließlich dorthin, wohin sie vermutlich auch führen sollte: zum anschließenden Diskurs.

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