Weil der Gott des Gemetzels regiert…

Wenn man in die verborgenen Abgründe des Einzelmenschen vordringt, kann man den Menschen als Spezies betrachten. Im Stück Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza wird dieses Prinzip bildhaft an den vier Protagonisten vorgeführt, um symbolträchtig mögliche Ursachen für das vermeintliche Übel in der Welt zu betrachten. Aus einer harmlosen Zusammenkunft zweier Elternpaare wird auf diese Weise eine exhibitionistische Zurschaustellung psychischer Beweggründe und Motivationen.

Herr und Frau Houillé treffen auf Herrn und Frau Reille. Der Konflikt der Söhne der Familien (Sohn A hat Sohn B mit einem Stock verprügelt) wird in deren Abwesenheit nüchtern und höflich besprochen, bis nur noch eine abschließende, freundliche Verabschiedung fehlt. Doch aus jener banalen Situation entwickelt sich daraufhin sukzessive eine immer emotionaler werdende Schlacht aller gegen alle, ein Kampf verschiedener Lebensansichten und Prinzipien. Zunächst stehen die Elternpaare noch zueinander, verhalten sich loyal und respektvoll ihren Gatten gegenüber, beginnen sich gegen „die anderen“ zu behaupten, zu verteidigen und zu rechtfertigen. Immer mehr werden jedoch die unterdrückten und hinuntergeschluckten Probleme innerhalb der Familien zum Thema und nach einer Weile scheinen beide Ehen vor ihrem Ende zu stehen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Im Durcheinander jener vielseitigen Konfliktquellen treten unterschiedliche Persönlichkeiten zum Vorschein, die zu Beginn noch unter der Maske der Höflichkeit verborgen waren: Der zunächst gutmütige und fürsorgliche Michel Houillé zeigt im Laufe des Stückes sein wahres Gesicht, indem er seine Frustration über Ehe und Familienleben kundtut und aus der Rolle des Pantoffelhelden herauszutreten versucht („Meine Frau hat mich als Gutmenschen hingestellt, dabei habe ich überhaupt keine Selbstkontrolle!“). Dessen Frau Véronique, die naiv, philanthropisch, beinahe kindlich und unfähig zur Selbstreflexion die moralische Instanz zu sein versucht, entlarvt sich in der Dramaturgie des Geschehens selbst immer mehr als heuchlerische Bewahrerin eigensüchtiger Illusionen.

Annette Reille, anfangs zuvorkommend und schlichtend, versinkt im Laufe der Handlung immer mehr in Frustration und Selbstzweifel, beschuldigt ihren Mann Alain nur Zeit für den Beruf, nicht jedoch für die Familie zu haben und begibt sich – Rum trinkend – in wohltuendes Selbstmitleid, da sie – wie auch Véronique – jenen Tag pathetisch als den schrecklichsten ihres Lebens bezeichnet. Die einzige Person, die in diesem Stück großflächig authentisch bleibt, ist Alain, der sich gar nicht erst Illusionen hingegeben hatte und am Ende als derselbe Egoist dasteht, als der er bereits zu Beginn erkannt werden konnte. Er ist es auch, der im Gott des Gemetzels ein natürliches und daher angemessenes Prinzip erblickt, das nicht bekämpft werden kann bzw. auch gar nicht soll.

Yasmina Reza schafft es recht gut, die vordergründige Handlung (die Schlägerei, den potentiellen Tod eines Hamsters etc.) im Laufe des Stückes immer weiter im Hintergrund verschwinden zu lassen, um Platz zu schaffen für die wesentlichen Verstrickungen und Überlegungen, die die ganze Faszination der Aufführung ausmachen. Nicht die Unmoral der Welt wird hierbei verteufelt, sondern es wird ein amoralisches Sammelsurium dargeboten, das die Moral an sich in Frage stellt. Jedes Wunschdenken muss schließlich scheitern und jeder blauäugige Gedanke ist dazu verdammt zu zerfallen – wenn man es wagt, sich aus dem Dunst des Selbstbetrugs zu lösen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s