Die Präsidentinnen

Seit 3. Oktober ist im Schauspielhaus Graz Werner Schwabs Frühwerk mit phänomenaler Besetzung zu sehen. Ob die Qualität des Stücks mit jener der Schauspielerinnen mithalten kann, bleibt in Frage zu stellen.

© Lupi Spuma

© Lupi Spuma

Das Licht im Saal verdunkelt sich, auf einer weißen Leinwand erscheint das Video einer Prozession, der die drei Protagonistinnen gespannt lauschen. Drei Gestalten, die leidenschaftlich leidvolle Grete (Steffi Krautz), die sparwütige Erna (Birgit Stöger) und die Möchtegernheilige Mariedl (Verena Lercher). Jede hat ihren eigene, schwierige Lebensgeschichte und doch haben sie eines gemeinsam: ihr Leben in der Unterschicht und ihr Bedürfnis darüber zu klagen.
In der vom Schauspielhaus gebotenen „Zugabe“ konnte das interessierte Publikum einem Vortrag über die Problematik dieser Gesellschaftsschicht von Wolfgang Engels, Professor für Kultursoziologie und Ästhetik, lauschen. Die Theorie einer von der Regierung geschaffenen Bevölkerungsgruppe, die die Angst vor dem Absteigen dorthin schüren soll, lässt das Schauspiel durchaus in einem anderen Licht erscheinen. Trotzdem bleibt ungeklärt, ob Werner Schwab mit seiner grotesken Darstellung ein ernstzunehmendes Portrait zeichnet und ob außer Unverständnis viel beim Zuschauer zurück bleibt.
Was trotz alledem aus dem Stück herauszuholen ist, zeigen die Schauspielerinnen mit Bravour. Birgit Stöger und Steffi Krautz verkörpern die gescheiterten Hausfrauen mit viel Charakter und zeigen die Höhen und Tiefen einer von Leben und Gesellschaft geächteten Existenz. Nicht einmal die Illusion einer „besseren“ Zukunft ist ihnen vergönnt, da auch die eigenwilligsten Wunschvorstellungen mit Blick auf die Wahrheit zerstört werden. Als Überraschung des Abends entpuppt sich die junge Verena Lercher. Als Buße tuende Mariedl, die mit bloßen Händen die Kloverstopfungen anderer Leute löst, liefert sie eine verstörende wie eindringliche Darbietung.

© Lupi Spuma

© Lupi Spuma

Das Bühnenbild von Thilo Reuther ist mit einer schräg liegenden Holztäfelung schlicht aber eindrucksvoll. Die wenigen Requisiten unterstreichen das spärliche Leben der Hauptfiguren, die Kostüme ihre groteske und abstoßende Wirkung auf ihre Umwelt. Immer wieder wird das Ausrutschen im Leben und der tiefe Fall durch den steilen Boden verdeutlicht, sodass die Frauen immer wieder Halt suchen müssen, um nicht vollständig abzusinken.
Inwieweit es genügend ist, das Bild einer Gesellschaftsschicht zu zeichnen, nicht mit Witz wie es scheint, sondern mit Hohn, muss wohl jeder selbst entscheiden. Ist ein Abend im Theater denn bereichernd oder auch nur unterhaltend, wenn er einzig die Frage nach seiner Sinnhaftigkeit mitzugeben vermag? Man wird sehen, ob in weiteren 20 Jahren Werner Schwabs Werk noch seine Berechtigung zur Aufführung findet.

Weitere Informationen und Trailer zum Stück unter:
http://schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=21076

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