Die Schwabisch sprechenden Präsidentinnen und der Herrgott

Erna, Grete und Mariedl – 3 Frauen, 3 Schicksale, 3 Träume.

Drei entfernte Freundinnen, die offensichtlich der „Unterschicht“ angehören, unterhalten sich über ihr Leben – die einen (Erna und Grete) klagen ihr schweres Leben an, während Mariedl voller Inbrunst ihre erfüllende Arbeit des Toilettenreinigens beschreibt. Als die Fantasie der Frauen durch Alkohol angeregt wird, bauen sie sich eine Traumwelt in Form eines Volksfestes auf, in der jede für sich die Erfüllung findet, die sie gesucht hat. Alle drei wetteifern um das größte Glück und übertrumpfen sich immer wieder und wieder…bis Mariedl – (sieges-)trunken und stolz – die Träume der anderen zerstört. Sie offenbart die Lächerlichkeit, die in der Realität vorherrschen würde und wird im Gegenzug von den desillusionierten und verletzten „Freundinnen“ in eben dieser Realität zerstört/ermordet. Am Ende singen sie ein „Loblied“ auf den Herrgott, dessen Text und Darstellung dem Stück nochmals Nachdruck verleihen.

(c) Lupi Spuma

Das Bühnenbild ist, wie auch die Charaktere, schräg – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – und verlangt den Schauspielerinnen körperlich einiges ab. Dem Bühnenbild ähnlich sind Kostüme und Maske schlicht und unterstreichen so den Fokus des Stücks auf die Sprache. Diese dient als Instrument, um die Charaktere und ihre sozialen Beziehungen zu skizzieren und ist überspitzt, radikal und unmissverständlich. Die Darstellungen der Schauspielerinnen sind sehr gut – glaubwürdig und einprägsam obwohl oder gerade weil das Groteske der Charaktere die meiste Zeit an die Grenze des Erträglichen getrieben wird. Vor allem Verena Lercher als Mariedl schafft es, die Sprache Werner Schwabs den „Freundinnen“ und dem Publikum so bildhaft zu vermitteln, dass es die einen schüttelt und die anderen erheitert.

Thematisch ist wohl die Frage, was das Leben lebenswert und „gut“ macht, zentral. Aber ist es die Nächstenliebe der Mariedl, die sich aufopfernd um das kümmert, was die meisten aus ihrem Leben verbannen würden? Oder die Sparsamkeit von Erna, die ihr Glück im Entbehren jeglichen Luxus‘ sieht? Oder ist es doch Gretes Heiterkeit, die als Verdrängungsmechanismus perfekt funktioniert? Das Stück zeigt auf, wie wesentlich Verdrängung und gegenseitiger Neid auf der Suche nach dem Glück sein können; aber auch wie schnell diese Punkte ins Gegenteil umkehren und für Zerstörung sorgen können.
Vor über 20 Jahren sorgte dieses Stück für enorme Aufregung – heute wirkt es immer noch, wenn auch weniger drastisch. Interessant wäre wohl, wo der Grazer Schwab dieses Stück heute ansiedeln würde, und wie seine Charaktere in Zeiten von Reality-TV à la Big Brother aussehen bzw. sprachlich agieren würden.

Erna, Grete und Mariedl – 3 Regentinnen ihrer eigenen Realitäten, die so abhängig sind von sozialer Kontrolle und Neid, dass sie in ihrer Intensität mehr als einmal zum Nachdenken anregen. Ein Happy End bleibt ihnen allemal verwehrt. Bezeichnend hier eine Strophe des Schlusslieds:

Der Herrgott is a Schreibmaschin
die hine Tasten des bist du
drum haut die ganze Schrift net hin
und das Himmelstor fallt zu.

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