EIN MUSENREICHER ABEND

Wer mit der wöchentlich ausgestrahlten Sendungsreihe Mythen des BR-Alpha-Programms vertraut ist, weiß um die gewohnten Eingangsworte des Vorarlberger Erzählers Bescheid: „Ich wünsche Ihnen eine musenreiche Viertelstunde“, laden den Zuseher regelmäßig zu einer 15-minütigen Erzähleinheit über sagenhafte Gestalten des Altertums ein.
Zugegeben: Sagenhafte Gestalten des Altertums fanden am Abend des 25. Oktober bloß am Rande Erwähnung und auch der gewohnte Zeitrahmen von besagter Viertelstunde wurde überboten, und doch fällt es schwer, um das von Köhlmeier selbst in Beschlag genommene Adjektiv umhinzukommen: Welch musenreicher Abend, der vor wenigen Stunden im Hauptsaal des Grazer Schauspielhauses zu Ende gegangen ist!

Der Autor Michael Köhlmeier ist einer der erfolgreichsten Autoren im deutschsprachigen Raum

Michael Köhlmeier (c) APA

Köhlmeier führte mit vertraut-sonorer Stimme durch sein erzählerisches Repertoire, das niemand Geringeren in den Vordergrund rückte als den Teufel selbst. Während sich die erste Hälfte des Bühnenprogramms auf die biblische Auslegung und Darstellung des personifizierten Bösen konzentrierte, widmete Köhlmeier die zweite Programmhälfte seinem Spezialgebiet: Dem Sagen- und Märchenhaften. Und obwohl dem interessierten Zuhörer die Geschichten um Michael und Luzifer, Adam und Eva oder den frommen Hiob keinen allzu großen Neuigkeitswert bescheren mögen, folgte man ihnen durch Köhlmeiers gekonnte Vortragsweise mit großer Spannungs- und Erwartungshaltung. Mehrmals wurden die Erzählungen mit unerwarteten Kehrtwenden, humoristischen Einlagen oder anderen rhetorischen Raffinessen bereichert, sodass der Vortrag an keiner Stelle an Unterhaltungswert verlor.

Autor Michael Köhlmeier: "Der Mann ist erledigt"

Michael Köhlmeier (c) APA

Im Ganzen gesprochen hat sich Köhlmeier an diesem Abend eine einzige Unannehmlichkeit zuschulden kommen lassen, und zwar, als er seine Begrüßungsworte mit einem pathetischen „Ich trete nirgendwo so gerne auf wie in Graz.“ schmückte, und sich damit in eine No-win-situation verstrickte. Denn selbst wenn dieses Kompliment an das Grazer Publikum ehrlich gemeint war, haftete ihm doch ein heuchlerisch-koketter Beigeschmack an. Wer aber so ein begabter Erzähler ist wie dieser Michael Köhlmeier, dem sei dieser geringe Fauxpas mit Handkuss verziehen.

Eine weitere Möglichkeit, Michael Köhlmeier zu erleben, bietet das Literaturhaus Graz am 17. November diesen Jahres.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s