Motel – oder: Der Wahnsinn auf seine bezauberndste Art

Menschen, geht ins Theater! Ja, in diesem Motel regiert der Wahnsinn. Oder, um es sinngemäß aus dem Stück heraus zu zitieren: „Unglaublich, was man für einen Scheiss heutzutage auf österreichischen Provinzbühnen aufführen kann!“

Eines vorweg, bevor diese Rezension ebenfalls im Chaos versinkt: Ein Besuch des MOTELs von Viktor Bodó und András Vinnai (der im Übrigen selbst mitspielt) lohnt sich. Jeder einzelne Cent des Eintrittspreises ist gut angelegtes Geld und wird bestens durch schauspielerische Leistung aller Darsteller, Kurzweiligkeit und Humor verzinst.

Sebastian Reiß, Stefan Suska & Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Sebastian Reiß, Stefan Suske & Jan Thümer (c) Lupi Spuma

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Brügge (sehen und sterben), Bates Motel aus Hitchcocks Psycho und dem Grand Budapest Hotel befindet sich dieses trostlose Motel am Rande einer Landstraße. Wenige gestrandete Gäste und das überaus unmotivierte Personal bringen den Hoteldirektor zur Verzweiflung, so dass dieser den Verkehrsstrom in Richtung Hauptstadt zum Motel umleiten lässt. Das Manöver fruchtet und das Haus wird voller und voller. Jedoch scheint dieses Motel eine ungeheure Anziehungskraft für zwielichtige Gestalten aller Art zu haben: Profikiller, ungarische Wissenschaftler, deren Experiment verünglückt ist, sowie dem merkwürdigen Liebespaar Udo & Olga. Angereichert werden diese Charaktere durch eine scheinbar verwirrte Dame, die täglich erst aus- dann wieder eincheckt, einem scheinbar alkoholisierten Kraftfahrer, der sich nur ungern bei seinen Schmuddelfilmchen stören lässt und einem Autor, der das Geschehen in diesem Motel in seinem Manuskript verarbeitet. Wobei: Verarbeitet er wirklich das Geschehen in seinem Manuskript oder ist dies bereits Teil eines Manuskripts, das der Rezeptionist des Motels schreibt? Oder ist der über den Autor schreibende Rezeptionist nur in das Manuskript herein geschrieben?

Es werden immer wieder Querverweise innerhalb des Stückes zu diesem gegeben, teils wird die Handlung zurück gespult, teils wird sie wiederholt. Durch das geschickte Ausnutzen des Bühnenraumes können zudem mehrere Geschichten parallel erzählt werden, die sich nach einiger Zeit aber wieder treffen bzw. die Bezug aufeinander nehmen. So verlieren die Zuschauer relativ schnell den Überblick darüber, was nun im Stück die Realität ist, was geträumt und was Stück im Stück ist.

Wir versuchen MOTEL so zu behandeln, als ob das eine Geschichte wäre, die man verfolgen und nachvollziehen kann, als ob sie ein Ziel hätte – aber eigentlich ist es eine Reihe von Betrügen. – András Vinnai im Schauspielhaus-Blog

Die beiden Profikiller, die mal wieder einen Job vermasselt haben – sie töteten äußerst sehenswert die Geliebte des Bosses – da ihr Boss Wilson seine Aufträge eher kryptisch in Gedichtform übermittelt, warten nun auf ihre vermeintliche Liquidierung. Es erinnert ein wenig an den Film Brügge sehen und sterben… Um dieser zu entkommen, kommen sie auf die abstrusesten Gedanken, zu deren Umsetzung u.a. ein Tauchsieder und ein Baguette notwendig sind. Oder aber eine große Säge.

MotelEnsemble_LupiSpuma

(c) Lupi Spuma

Ebenso verwirrend die Situation bei den Wissenschaftlern, deren Experiment schief gegangen scheint und die nun zu Ergründen versuchen, was schief gegangen ist, wobei dies erneut schief geht und sie in einer Eskalation aus Fleischeslust, Kontrollverlust des Sprachzentrums und epileptisch anmutenden Zuckungen versinken, bis der eigentlich als verunglückt geltende Professor das Experiment aufzulösen scheint.

Spätestens hier hat wohl jeder Zuseher die Kontrolle darüber verloren, welche Geschichte nun geplant ist und welche nicht. Wer ist Herr über dieses Chaos und was soll eigentlich der Sumpf sein, auf den mehrfach angespielt wird? Und warum reklamiert nun gefühlt jeder Protagonist, dass dies seine Geschichte sei? Als Zuschauer glaubt man zwar Zusammenhänge zu verstehen, insgeheim ist man sich jedoch sicher, eben dies nicht zu tun.

Chaos, Wahnsinn, Absurditäten & Schabernack des Stückes überspielen diese Unsicherheit und Unwissenheit aber so dermaßen gut, dass man sich nicht weiter daran stören mag. An jeder nur (un)möglichen Stelle wird feinstes Klamaukfeuerwerk zelebriert, aber all dies ist von vorn bis ganz zum Schluss so passend eingesetzt, dass man sich sogar zum interaktiven Kriegsgebrüll verleiten lässt, während das Motel endgültig dekonstruiert und man in die tiefen des Sumpfs versetzt wird.

„Unglaublich, was man für einen Scheiss heutzutage auf österreichischen Provinzbühnen aufführen kann!“ – Ja, unglaublich ist das. Unglaublich gut! In etwa 140 Minuten ohne Pause ist dieses Stück lang. Wobei lang der falsche Ausdruck ist, denn selten waren 140 Minuten so dermaßen kurz wie an diesem Abend.

Das von Vinnai & Bodó mit Schauspielern des Schauspielhauses und ihrer Szputnyik Shipping Company (by the way: großartiger Name!) inszenierte MOTEL wird noch sechs weitere Male auf der Hauptbühne des Schauspielhauses zu sehen sein. Weitere Informationen und die Termine finden Sie auf den Seiten des Schauspielhauses.

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