Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Die Theaterversion des gleichnamigen Buches über Kindheit und Jugend von Andreas Altmann unter der Regie von Christina Rast hatte eine grundsätzliche Schwierigkeit zu meistern: Jene, die das Buch kennen, haben eine andere Erwartungshaltung als jene, die das Buch nicht kennen. Beide Gruppen vollständig zufriedenzustellen, scheint zunächst unerreichbar. Aus meiner eigenen Perspektive – eines Zusehers der zweiten Gruppe – war es ein grandioser und ergreifender Theaterabend, der gerade deshalb so sehr berührte, weil nicht der Einzelmensch Altmann im Mittelpunkt stand, sondern sozusagen „alle Altmanns der Welt“ ein quasi-fiktives Sprachrohr erhielten. Die originelle Darstellungsform trug diesbezüglich viel bei: Vier Männer stehen auf der Bühne und wechseln ihre Rollen je nach Situation. Jeder ist dementsprechend jeder und spielt seinen vielschichtigen Teil zur Erzählung der Geschichte, in deren Zentrum der problematische Bezug zum eigenen Vater steht.

Wenn eine Biographie als Theaterstück aufgeführt werden soll, muss die zwingende Kürzung weitläufiger Passagen in Kauf genommen werden. Das Umreißen vielfältiger Thematiken in lediglich anderthalb Stunden gelang wohl deshalb sehr gut, weil man sich bei der Darstellung primär auf die Vermittlung grundlegender Gefühle konzentrierte, die immer wieder in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck kamen. Hätte man sich zu sehr auf reine Erzählungen versteift, wäre wohl eine etwas holprige, unschlüssig wirkende Zusammenstellung sinnfreier Anekdoten herausgekommen. Dass die Innenwelt des Andreas stärker im Mittelpunkt stand als die tatsächlichen Geschehnisse, führte zu einer für jedermann nachvollziehbaren Zurschaustellung wesentlicher Brennpunkte, die man genauso gut anhand der Biographie einer anderen Person hätte darstellen können.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

In herrlich provokanter Art und Weise werden im Verlauf des Stücks diverse Heucheleien bürgerlicher Lebenswelten dargestellt: So wird u.a. die Tabuisierung von Sexualität radikal ins Lächerliche gezogen, kleinbürgerlicher Konservatismus von seiner fürchterlichsten Seite gezeigt und der Grauen einer über alle Maßen autoritären Erziehung nahe gebracht. Entsetzt starrt man zur Bühne, wenn mit schonungslosen Mitteln körperliche Gewalt des Vaters am Sohn nachgestellt wird. Entsetzt spürt man immer wieder die Trost- und Perspektivenlosigkeit des Erwachsenwerdens des unter Zucht und Ordnung leidenden Kindes. Bloß der Hass gegen den herrischen Vater scheint Andreas als Überlebenswille stets geblieben zu sein. Und wenn das Wort „Frei!“ gegen Ende des Stücks kindlich-naiv gesungen wird, kann man sich nicht des Gedankens erwehren, dass jene herbeigesehnte Freiheit niemals für den tatsächlich Betroffenen zu erreichen ist. Denn die Kindheit endet ja bekanntlich nicht am Ende der Kindheit.

Das Stück wird niemals kitschig, bleibt stets nüchtern auf die vermeintlich wahren Triebfedern menschlicher Handlungen fokussiert und schafft es dadurch, befreiend und kathartisch zu wirken. Die Biographie selbst rückte für mich im Laufe des Abends immer weiter in den Hintergrund – zu essenziell schienen mir die allgemeingültigen Gedankengänge zu sein, die man zu vermitteln versuchte. Und als am Ende selbstironisch jeglicher Interpretationsversuch der frühen Jahre des Andreas Altmann als quasi unmöglich deklariert wurde, konnte man nachdenklich und etwas schwermütig den Saal verlassen.

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