„They fuck you up, your mom and dad“

Von Scheißeltern und anderen Scheißsachen erzählt Andreas Altmann in seiner Autobiographie Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, 2011 erschienen im Piper Verlag. Aufgewachsen im erzkatholischen Altötting blickt Altmann auf seine von Gewalt geprägte Kindheit im Spannungsfeld zwischen katholischer Scheinheiligkeit und väterlicher Brutalität zurück. Diese Scheißgeschichte wurde nun von Oliver Kluck in ein gleichnamiges Theaterstück am Schauspielhaus Graz unter der Regie von Christina Rast verwandelt, und ist so gar nicht scheiße.

Die Übertragung einer Autobiographie in ein Theaterstück ist in der Theorie ein schweres Unterfangen. Kluck beweist jedoch, dass es in der Praxis sehr gut funktionieren kann. Mit viel Feingefühl und Expertise schafft er es, sich der Komplexität einer traumatisierten Kindesidentität durch vier Andreas Altmanns anzunähern. Florian Köhler, Sebastian Klein, Thomas Frank und Franz Solar spielen dabei abwechselnd und gleichzeitig die verschiedenen Facetten des Kindes und Jugendlichen Andreas Altmann, seines Scheißvaters, seiner Mutter, seiner Brüder und anderen stasiartigen Konformisten, die sich ebenso gut als KZ-Wächter gemacht hätten. Allesamt beweisen in ihrer Darstellung ihre exzellenten Qualitäten als Schauspieler. Authentisch und ausdrucksstark geben sie dem Publikum Einblick in die Qualen einer Kinderseele. Besonders hervorzuheben ist Florian Köhler, der mit seiner beeindruckenden Wandlungsfähigkeit das Publikum zu Tränen rührt und Sekunden später Lachkrämpfe auslöst.

(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Besonders gelungen ist außerdem das Bühnenbild von Fatima Sonntag, das die fromme Atmosphäre einer kleinen Dorfkapelle kreiert. Die Überpräsenz von Katholizismus durch Marienstatuen in verschiedenen Ausführungen und Größen, durch Rosenkränze, Kreuze und Grabkerzen – purer Kitsch – portraitiert die katholische Übermacht und zieht diese gleichzeitig ins Lächerliche.

Das Stück als Ganzes ist eine Gratwanderung zwischen Komödie und Trauerspiel. Skurrile, brutale, perverse Dinge passieren auf der Bühne. Nichts wird verhüllt oder beschönigt. Den ZuschauerInnen ist es unangenehm, ein Gefühl von Fremdschämen. Doch man kann nicht wegschauen. Die Nähe des Zuschauerraumes zur Bühne zwingt einen zum Hinsehen. Man muss sich damit auseinandersetzen. Lachen wird zum Bewältigungsmechanismus.

Oliver Kluck schafft ein Meisterwerk aus der ohnehin meisterhaften Autobiographie Altmanns. Philip Larkins Gedicht fasst zusammen, wofür Altmann das Paradebeispiel ist: They fuck you up, your mom and dad. They may not mean to but they do.

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