Ich und meine Sabberer – p’tit Albert

Ich und meine Sabberer – P’tit Albert basiert auf der Erzählung Told in the Drooling Ward von Jack London.“
Diese Information findet man auf der Homepage des Grazer Schauspielhauses über das Stück. Wahrscheinlich ist man an Jack London schon einmal vorbeigekommen: Sein Roman Der Seewolf und der Tatsachenbericht Abenteuer des Schienenstranges gehören zu den Büchern, die man früher heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat.
Man erwartet also Abenteuer, Spannung und eine fesselnde Geschichte.

Fast wie ein Antagonismus dazu mutet das Stück an, das ich mir heute Abend anschauen durfte:
Es wird allein durch den einzigen Schauspieler auf der Bühne getragen. Wobei „Bühne“ hier sehr frei aufzufassen ist. Die ZuschauerInnen werden im Verlauf des Stückes immer mehr zu Akteuren, die in die Handlung eingebunden sind. An U-förmig angeordneten Tischen sitzen sie um die Mitte des Saales. Anfangs beobachten sie die Hauptperson – Tom – und sind stille Zuhörer. Im Verlauf des Stückes wandelt sich ihre Rolle: Zuerst richtet Tom nur einige Worte an einen seiner unfreiwilligen Co-Akteure. Diesem sieht man die Überraschung an, die meisten sind überfordert mit der unerwarteten Situation und wissen nicht recht, wie sie reagieren sollen. Soll man antworten? Soll man das Stück dadurch unterbrechen? Ist das eventuell gar erwünscht?

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Im weiteren Verlauf nimmt die Interaktion zu: Es wird ein erster zaghafter Körperkontakt hergestellt, als Tom sich aus dem Publikum eine Uhr ausleiht. Kurz darauf umarmt er scheinbar spontan eine Zuschauerin.

Die Leute beginnen aufzutauen, einige finden Freude an der Interaktion und Partizipation. Sie antworten auf Toms rhetorische Fragen und stellen ihm sogar aktiv ihrerseits Gegenfragen. Zum Schluss bleibt niemand auf seinem angestammten Platz, als Tom „Brei“ aus einem riesigen Topf verteilt und die Leute später damit füttert.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Währenddessen erzählt er durchgehend in einem (fast-)Monolog über sein Leben in der Anstalt, in der er seit seinem dritten Lebensjahr wohnt. Er fühlt sich dort wohl. Seine »Sabberer« -wie er die Insassen nennt- bedeuten ihm alles. Über sie spricht er liebevoller als über manche Pfleger und Schwestern. Er teilt die Menschen in seinem Umfeld in Gruppen ein – er selbst gefällt sich in der Rolle eines Beobachters, der keiner Gruppe zugehörig ist. Aber fühlt er sich nicht einsam? Möchte er nicht hinaus aus der Anstalt?

Nein, denn »Das Leben von draußen lieb ich nicht zu sehr …«!

Wie fühlt sich das Ganze nun an? Ein bisschen wie ein Bewerbungsgespräch, bei dem der –hoffentlich – zukünftige Chef beginnt, über seine Eheprobleme zu reden. Man sitzt fest und weiß nicht genau, wie man mit der Situation umgehen soll – bis man den für sich selbst individuell richtigen Weg findet.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

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