Wenn Barbara auf Barbaren trifft

Barbara (Seyneb Saleh) und Mario (Christoph Rothenbuchner) sind ein Paar. Sie sind vegan, sie leben reflektiert. Die Guten. Linda und Paul, gespielt von Steffi Krautz und Florian Köhler, sind die neuen Nachbarn. Nicht vegan, nur halb so reflektiert. Die Bösen. Die Guten und die Bösen kommen ganz gut zurecht, plaudern über die Qualität des Wassers, das Nicht-Vorhandensein von Chips. Lappalien. Das ändert sich schlagartig als Stereotyp Nummer 3 ins Spiel kommt. Eines Abends klopft jemand an beide Wohnungstüren. Ein Fremder. Die Bösen machen nicht auf, die Guten schon. Der Fremde zieht bei den Guten ein und bricht alles auseinander. Wer ist denn jetzt noch gut? Wer böse?

(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Wir sind keine Barbaren von Philip Löhle, inszeniert auf der Probebühne im Schauspielhaus Graz von Christine Eder (u.a. Regisseurin von Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend), behandelt die existentiellen Fragen des Lebens: Sind wir gut oder böse? Haben wir Angst vor dem Fremden oder bloß Unbehagen? Sind wir Schuld am Unheil anderer? Und wer sind überhaupt „Wir“? Was durch die kurzen szenischen Dialoge – Licht an, Licht aus –, Slapstick-Comedy und Hipster-Style wie ein oberflächliches Vergnügen wirkt, serviert in Wirklichkeit die großen Konzepte des Postkolonialismus auf dem Silbertablett. Western Gaze, Othering, Hegemony – alles ist dabei. Die, die gut sind, sind zu gut, um ihre latenten Stereotype zu erkennen. „Der Flüchtling“ kommt „wahrscheinlich aus Afrika“, ist „pars pro toto für alle Unterdrückten der Welt“. Ihm muss geholfen werden. Oder „dass es mir gut geht und anderen nicht so gut, das ist ja nicht meine Schuld“? White Supremacy in all ihren Facetten! Interessant ist außerdem, dass „der Fremde“ es – gemäß seines subalternen Status – nicht auf die Bühne geschafft hat.

Die vielschichtigen Thematiken werden in Wir sind keine Barbaren leider nur angestupst. Gut eine Stunde Spielzeit ist zu wenig, um dabei in die Tiefe gehen zu können. Die Charaktere sind zwar Stereotypen, dennoch ist nicht genug Zeit, um sie kennenzulernen und ihre Motive zu verstehen. Wirklich gut ist der Sprechchor, der den Spiegel zückt und die Denkmuster unserer ach so homogenen Gesellschaft anprangert. Wirklich gut ist außerdem Seyneb Saleh, die in ihrer Doppelrolle als Barbara und Barbaras Schwester vor allem in der letzten Szene glänzt. Alles in allem ist Wir sind keine Barbaren ein thematisch komplexes Stück mit unerwartetem Ende, das aber besser und in längerer Ausführung auf die Hauptbühne gepasst hätte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s