Wilhelm Tell – ein vielseitiger Held

Die diesjährige Saison eröffnete die Grazer Oper mit Rossinis Wilhelm Tell, der am 13.11. in einer durchwegs gelungenen Aufführung seinen Abschluss fand. Die Hommage an den Sieg von Freiheit und Gerechtigkeit konnte Jung und Alt an diesem Abend begeistern.

Tatjana Miyus als Jemmy ; (c) Werner Kmetitsch

Tatjana Miyus als Jemmy (c) Werner Kmetitsch

„HELVETIA“ steht in stolzen Lettern auf der großen Holztribüne geschrieben und stellt somit gleich den Ort der Handlung vor. Doch die scheinbare Standhaftigkeit des Wortes täuscht, denn schon treten die Soldaten der besetzenden Macht Habsburg ins Geschehen und lassen vom ursprünglichen Land nichts über als den ersten Buchstaben, den sie für ihre Zwecke missbrauchen. Unterdrückung, Rebellion, Liebesleid und Liebesfreud sorgen in der auf drei Stunden gekürzten Handlung immer für Spannung. Dies sorgt hin und wieder für Sprünge im Inhalt, die umso mehr Konzentration vom Zuschauer fordern. Das von Etienne de Jouy und Hippolyte Bis verfasste Libretto nach dem Drama von Friedrich Schiller erfreut sich glücklicherweise weitläufiger Bekanntheit, sodass die Kürzungen vor allem zur Kurzweile des Abends beitragen.
Musikalisch ist diese letzte Oper des großen Italieners zu Unrecht praktisch nur für seine Ouvertüre berühmt. Zwischen süßen und aufbrausenden Melodien wird das Grausame wie Hoffnungslose hervorgekehrt und verdeutlicht die Dramatik der Geschichte. Die Vielfältigkeit der Musik beschrieb auch schon Francois-Joseph Fétis zu Lebzeiten des Komponisten: „Diese Oper enthält genug Ideen, um zehn sehr schöne Opern daraus zu machen.“ Neben vielen Chor- und Ensembleszenen fallen besonders die Soli der einzelnen Instrumentengruppen auf. Schon die allerersten Klänge werden markant nur von den Celli geführt, auch Harfe und Klarinetten treten immer wieder kunstvoll hervor. Auch wenn die Meinung des Publikums zur Instrumentalleitung geteilt schien, war doch die Balance mit der jeweiligen Konstellation an Sängern immer gut gewählt.

Arnold und Mathilde ; (c) Werner Kmetitsch

Arnold und Mathilde (c) Werner Kmetitsch

Gesanglich blieben in der Grazer Produktion keine Wünsche offen. Yosep Kang und Olesya Golovneva als Liebespaar Arnold und Mathilde besangen mit ihren jungen Stimmen eine zur Unerfülltheit bestimmten Liebe. Die gesellschaftliche Kluft zwischen den beiden, spiegelt sich auch im Bühnenbild wider – eine der vielen raffinierten Details der Inszenierung. James Rutherford als Tell und David McShane als sein Komplize Walther Fürst überzeugten vor allem in den angriffslustigen Terzetten mit Arnold. Als kleine große Überraschung entpuppte sich Tatjana Miyus als Wilhelms Sohn Jemmy. Die ukrainische Sopranistin war für ihre Hosenrolle perfekt besetzt, charakterisierte sie doch den jungen Rebell mit frecher Manier und klarer Höhe. Der Chor (einstudiert von Bernhard Schneider) durfte neben seinem wie immer fabelhaften Klang noch mehr beweisen: da auf ein Tanzensemble verzichtet wurde, gestalten sie die Stellen der Ballettmusik teils mit Schauspiel, teils mit schlichtem Volkstanz.

"Die Freiheit der Schweiz" ; (c) Werner Kmetitsch

„Die Freiheit der Schweiz“ (c) Werner Kmetitsch

Mit Wilhelm Tell liefert Rossini das Bild eines gänzlich untypischen Titelhelden in der Oper, so hat Tell doch zum Beispiel keine einzige Soloarie. Was das Werk vermittelt, ist ein Held des Volkes, der als dessen Stimme Teil jedes großen Ensembles ist und mit seiner Individualität doch für die Allgemeinheit spricht. Ist die Revolution der Schweizer zu Beginn nur unterschwellig spürbar, zeigen sie am Ende in einem gemeinsam vollführten angriffslustigen Tanz, welche Stärke hinter ihrem Zusammenhalt steht. Auch die von den Unterdrückern vergrabene Freiheit wird symbolisch wie buchstäblich wieder „ausgegraben“, um erleichtert nach Luft zu schnappen. Fast 200 Jahre findet diese Oper schon ihre Aufführung – ein klares Zeichen dafür, dass der Wunsch nach Unabhängigkeit und einem Helden aus den eigenen Reihen wohl immer aktuell bleiben wird.

Inforationen zu Oper unter:
http://www.oper-graz.com/stueck.php?cat=prem

Trailer:

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