Die lustige Witwe

Zugegeben: Die Operette bietet Regisseuren größeren Freiraum als ihr großer Bruder, die Oper. Der Grund hierfür ist zum einen in der fehlenden Tragik ihrer Handlung, zum anderen in dem Einsatz von gesprochenen Dialogen anstelle von gesungenen Rezitativen zu suchen. Dass diese Dialoge Platz für inszenatorische Eingriffe bereitstellen, ist keine Neuheit. Dennoch bleibt die Frage zu stellen: Wie weit dürfen diese inszenatorischen Eingriffe reichen?
Die aktuelle Opernhaus-Graz-Inszenierung der Königin des Genres, Lehárs Lustige Witwe, wagt viel. So kommt es von Anfang bis Ende zur Interaktion zwischen Bühnendarstellern und Publikum, und obwohl dieses andauernde Zwischenspiel dem Unterhaltungswert der nahezu dreistündigen Aufführung zu Anfang guttut, möchte in Anwandlung Friedrich Schillers gesagt werden: Eine Grenze hat Regisseurenmacht! Diese Grenze ist erreicht, sobald jazzbesetzte Tanzeinheiten aus moderner, aber gewiss nicht Lehárs Zeit zum Einsatz kommen (Die lustige Witwe stammt aus dem Jahr 1905). Und entsinnt man sich recht, sollte dieser Abend auch niemand anderen präsentieren als diesen Lehár. Wo aber bleibt er nur?

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Ensemble (c) Dimo Dimov

Über weite Strecken des Abends steht mit viel zu großer Prägnanz der französische Regisseur Olivier Tambosi im Vordergrund, nicht aber der Komponist selbst. Sowohl hinzugedichtete Szenen, als auch neu erfundene Kompositionen werden von Tambosi dem Werk beigefügt. Den Höhepunkt des inszenatorischen Stilbruchs erreicht Tambosi aber, als er – wohl aus populistischer, wohl aus politischer Motivation – dem berühmten „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ eine neu eingefügte Adaption über das „Studium der Männer“ folgen lässt, und das anwesende weibliche Publikum dazu auffordert, den Gesang mit eigener Stimme zu unterstützen.
Einziger Trost des Abends bleibt das gesangliche, als auch mimische Talent nahezu sämtlicher Bühnenbeteiligter, insbesondere das des den Baron Mirko Zeta aufs Glanzvollste verkörpernden Götz Zemann.
Was aber bleibt über diese Aufführung zu sagen? Vor allem wohl doch, dass die Inszenierung es vermisst, den Eindruck zu vermitteln, man habe eine der gefühlvollsten Operetten des vergangenen Jahrhunderts erlebt. Stattdessen wird der Zuschauer von dem Gefühl ergriffen, am diesjährigen Herbstfest der Volksmusik teilgenommen zu haben. Ob die Hinterlassung dieses Gefühles im Sinne einer unserer beliebtesten und gefeiertesten Gestalten der österreichischen Musikgeschichte gewesen ist? Ich möchte es nicht bezweifeln, ich möchte es verneinen.

Weitere Termine: http://www.oper-graz.com/vorstellung.php?id=20891&cat=&type=

Video: http://www.youtube.com/watch?v=UEOpgqsPZzo

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