Zerstörung. Schönheit. Chaos. Befreiung.

Kunst ist und war immer ein Spiegel der Gesellschaft, in der sie entstand; Themen wie Verfall, Gewalt oder Chaos prägten die westliche Kunstschaffung der letzten Jahrzehnte. Die Kooperationsausstellung Damage Control – Art and Destruction Since 1950 mit dem Hirshhorn Museum (USA) im Grazer Kunsthaus bietet einen breiten Überblick über dieses Kunstschaffen.

(c) Ori Gersht. Foto: Lee Stalsworth, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, DC

Gleich zu Beginn sieht man ein Stillleben in unzählige Teile zerbersten; die Zerstörung von etwas Schönem – langsam und total. Die Ästhetik der Zerstörung spielt eine zentrale Rolle, sei es abseits von politischer Kritik oder (zumeist) als Verstärkung ebendieser. Diese Schönheit sieht man im Film über nukleare Detonationen von Harold Edgarton oder den Bildern von Arnold Odermatt. Eines seiner Bilder ist auch das Titelbild der Ausstellung – ein Autowrack in einem mythisch anmutenden See – klar und in schwarz-weiß, es ist frei von Kitsch und vor allem eines, friedlich. Ganz anders wirken Andy Warhol’s Drucke eines Elektrischen Stuhls, jede Farbe verändert den Ausdruck und somit den Blick und das Gefühl des Betrachtenden. Das Faszinosum aber, dass Zerstörung etwas Wundervolles hervorbringt, bleibt während der Ausstellung immer im Hinterkopf.

(c) Urs Odermatt, Windisch, Switzerland; Courtesy Galerie Springer Berlin (c) Bildrecht, Wien 2014

Musik bzw. Lärm als Instrument der Zerstörung findet auch mehrere Wege in die Ausstellung, z.B. der ohrenbetäubende Lärm Christian Marclay’s Video‘s Guitar Drag oder die systematische Zerstörung eines Pianos durch R.M. Ortiz. Sie zeigen die Überschreitung gesellschaftlicher Konventionen auf einer weiteren Ebene, die im 20. Jahrhundert möglich wurde.

In den letzten 30 Jahren hat sich die Dekonstruktion in der Kunst verändert – die Realitätsnähe ist noch extremer geworden und damit ging bzw. geht eine Abstumpfung der Betrachtung der Bilder einher. Kriegsbilder, so nah wie möglich, sind weniger abschreckend als faszinierend oder Szenen der Stanley Cup Ausschreitungen von 1994 zeigen zwar Zerstörung und Chaos, sie verwundern aber nicht weiter. Subtiler sind hier Mona Hatoum’s Kristallhandgranaten – zerbrechlich und gefährlich – Berührung ist in jedem Fall ausgeschlossen. Spätestens hier wird dem/r Besucher/in klar, dass es zentral um Zerstörung als Mittel der Kunst geht – nie um die Zerstörung der Kunst selbst.

Ergänzend zum Kunsthaus gibt es im Bruseum Graz die Zusatzausstellung Body Art and Destruction 1968-1972. Hier weicht die  Ästhetik einem Befreiungscharakter, denn die Body Art Ende der 1960er Jahre war eine der eindringlichsten Ausdrucksweisen des gesellschaftlichen Umbruchs und in der obigen Ausstellung nicht ausreichend thematisiert. Aktionisten wie Günter Brus gingen an ihre körperlichen Grenzen, um das Beherrschen ihres Körpers (und ihres Geistes) zu demonstrieren. Die Bilder und Videos sind verstörend bis packend, manchmal aber auch amüsant wie Stephan Laub’s Smile Support.

Stephan Laub, Smile Support, 1970 Courtesy Stephan Laub

PS: Die Warnung, dass die Ausstellung im Bruseum für Kinder (!) verstörend sein kann, gebe ich hier auch aus – für zartbesaitete Erwachsene oder Personen mit flauem Magen ist die kurzweilige aber intensive Schau wohl nichts. 😉

Beide Ausstellungen laufen bis 15.02.2015. Weitere Infos unter 

http://www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz/ausstellungen/ausstellungen/events/event/14.11.2014-15.02.2015/damage-control-8

Diese Rezension findet sich auch auf dem hauseigenen Museumsblog des Joanneum:

http://www.museumsblog.at/2014/11/20/zerstoerung-schoenheit-chaos-befreiung/

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