Fäkaliendrama im Schauspielhaus – „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab

Die Präsidentinnen, das sind drei Frauen, die nichts wissen und alles zu sagen haben, ohne sich bewusst zu sein, dass ihre Gedankenergüsse nirgends auf Befruchtung stoßen – denn da wurde schon sterilisiert.

Der Friede ist der Sinn des Lebens und das Leben ist der Sinn der Menschlichkeit.“ – Erna, aus Die Präsidentinnen

Erna, Greta und die Mariedl – drei Frauen und Freundinnen, die sich hassen; drei Frauen, die auf der einen Seite unterschiedlicher nicht sein könnten, auf der anderen jedoch drei Ecken desselben Dreiecks sind; drei Frauen, die sich selbst als Nabel der Welt sehen. Erna, gespielt von Birgit Stöger, ist die Sparsame, die Genügsame, die Fromme, die sich um ihren trunksüchtigen Sohn Hermann kümmern muss – eine Aufgabe, die sie hasst, über die sie sich aber gleichzeitig identifiziert, die ihr einen Existenzgrund gibt. Dann Grete (wieder einmal eine darstellerische Glanzleistung von Steffi Krautz), die Lustige, die Wilde, die Promiskuitive – die es auf die leichte Schulter nimmt, dass ihre Tochter von ihrem Exmann sexuell missbraucht wurde, und nicht einsieht, dass diese nun nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Die von der Liebe lebt und leidet. Und die Mariedl, wohl die schrägste Gestalt in Die Präsidentinnen und dargestellt von Verena Lercher: eine fäkalienfixierte Mutter Maria, die ihre Berufung zum Beruf gemacht hat und nun tief in die Kloschüsseln der Reichen greift, um diese vom gröbsten Scheiß zu befreien. Eine wahre Märtyrerin, die sich für die Menschheit besudeln lässt.

Die Präsidentinnen

DIE PRAESIDENTINNEN_Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Das Fäkaliendrama des Grazers Werner Schwab hat noch vor ein paar Jahren für mehr Aufregung gesorgt, als dies jetzt der Fall ist – ob das daran liegt, dass man sich durch Wiener Aktionismus und Konsorten an ziemlich viel „Scheiße“ gewöhnt hat, sei dahingestellt. Trotz des Umstands, dass uns das Gespräch über Fäkalien und das Putzen von Klosetten nicht mehr ganz so aufwühlt, sind Die Präsidentinnen durchaus empfehlenswert. Und sei es nur, um die Protagonistinnen „Schwabisch“ reden zu hören, eine Kunstsprache, die geprägt ist von ungrammatischen Sätzen, ordinärer Ausdrucksweise und schwarz eingefärbte Euphemismen verwendet – wie zum Beispiel „einen Verkehr haben“ für Sex – und in ihrer Simplizität dem gesamten Stück einen eigenen Charakter verleiht.

Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz zeigt eine gekonnte Inszenierung der Präsidentinnen unter der Leitung von Simone Blattner – neben der großartigen Darstellung durch Stöger, Lercher und Krautz, auch fürs Auge ein gelungener Besuch: die Bühnengestaltung durch Thilo Reuther bringt die Präsidentinnen im wahrsten Sinne des Wortes auf die schiefe Bahn. Ein altbackener Holzboden, ein Röhrenbildschirm, auf dem der Papst feucht-fröhlich dahinflackert und Segenssprüche rausposaunt, eine einzige, kleine Sitzbank, um die sich die drei Frauen abwechselnd streiten – ein reduziertes und doch aussagekräftiges Bühnenbild, auf dem die drei „Tratschen“ ihrem Unmut über Familie und Welt Luft machen.

Dass die Mariedl am Schluss, nachdem die Präsidentinnen besoffen auf der Bühne herumkullern, völlig durchdreht und den Liebesträumereien von Grete und Erna den Garaus macht, scheint vorprogrammiert. Auch, dass die anderen beiden sich dann kurzerhand dazu entschließen, der Mariedl den Garaus zu machen. Was jedoch so gar nicht ins Bild, oder Stück, passen will, ist das Mutieren der drei Damen zu einem Gesangstrio; man wäre hier auch ohne ein Abschlusslied ausgekommen.

Abgesehen davon jedoch ein kompaktes Konstrukt aus Kon(tro)versationen und verbalen Gefechten – wirklich sehens- beziehungsweise hörenswert.

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